Dinara Wagner, amtierende deutsche Meisterin, startet bei den Dortmunder Schachtagen 2025 in die zweite Jahreshälfte. Hinter ihr liegt eine ernüchternde Phase. „Ich habe in letzter Zeit viel Elo verloren und war nicht in guter Form“, sagt sie offen. Insbesondere die Europameisterschaft, bei der sie rund 30 Elo-Punkte einbüßte und sich nicht für den World Cup qualifizieren konnte, war für die 26-Jährige eine Enttäuschung: „Sehr bitter für mich.“
Seit Mai hat Wagner eine Turnierpause eingelegt – ausgenommen die Schnell- und Blitz-Team-WM in London, wo es wieder besser lief. Jetzt soll das renommierte Viererturnier in Dortmund zum Wendepunkt werden. „Ich freue mich sehr auf das Turnier. Ich spiele in Dortmund immer gerne“, sagt Wagner im Gespräch mit Patrick Zelbel, Pressesprecher der Veranstaltung.
Dass sie selbst seit Jahren eine zentrale Figur im deutschen Schach ist, unterstreicht ihre wiederholte Einladung nach Dortmund. Gemeinsam mit Elisabeth Pähtz, Supertalent Lu Miaoyi (die zum Auftakt spektakulär gewann) und Deimante Daulyte-Cornette bildet sie das Feld im Rundenturnier der Frauen. Das Zeitformat – ohne Inkrement bis zum 40. Zug – empfindet Wagner als „sehr schwierig“, will es aber als sportliche Herausforderung annehmen.
Ihre erste Partie wird gleich ein emotional aufgeladenes Duell: Es geht gegen Elisabeth Pähtz, Deutschlands langjährige Nummer eins, gegen die Wagner im Vorjahr ein Match unentschieden spielte – trotz Gewinnchancen. „Die habe ich nicht genutzt habe. Diesmal hoffe ich, dass es besser läuft.“
EM im Blick, Kandidatenturnier als Ziel
Dortmund ist für Wagner mehr als ein Einzelturnier: Es ist die Vorbereitung auf das Grand Swiss im September. Dort geht es um die Qualifikation für das Kandidatinnenturnier – ein Ziel, das Wagner klar vor Augen hat. „Es stehen jetzt sehr wichtige Wochen an“, sagt sie.
Offen für neue Formate
Während Wagner in Dortmund auf traditionelles Schach spielt, verfolgt sie die digitale Entwicklung mit Interesse. Der gerade beendeten Esports World Cup, den Magnus Carlsen in Riad gewann, hat Eindruck hinterlassen: „Das sah fantastisch aus – viele Besucher vor Ort, viele online. Ich finde das sehr spannend und würde mich freuen, wenn solche Turniere weiter stattfinden.“ Bereits vor zwei Jahren hatte sie eine Einladung zu einem Esports-Wettbewerb nach Singapur erhalten, aber damals Dortmund den Vorzug gegeben. Ihr erfolgreicher Versuch, dort eine GM-Norm zu erspielen, hatte Priorität.
Mit der Online-Schachszene verbindet Wagner Ambivalenz: Einerseits erkennt sie das Potenzial des Formats, andererseits sieht sie ihre eigenen Stärken eher im traditionellen Schach. „Ich finde mich im Online-Schach nicht besonders gut“, sagt sie selbstkritisch. Trotzdem verfolgt sie aufmerksam, wie sich E-Sports und Schach nähern – „und ich bin offen dafür“, betont sie.

Schachprofi – „sehr schwierig“
Wagner lebt derzeit als Schachprofi. Doch davon allein in Deutschland zu leben, sei „sehr schwierig“, speziell als Frau. Nur wer zur Top 10 oder Top 20 der Welt gehöre, könne von Preisgeldern und Einladungen leben. „Dann bekommt man Zugang zu sehr starken Turnieren. Das ist entscheidend.“ Um selbst in diese Region aufzusteigen, ihr erklärtes Ziel, trainiert Wagner konsequent, meist mit einem Trainer, dessen Identität sie geheim hält. Gemeinsam arbeiten sie an Strategie und neuen Eröffnungen. Allein löst sie Taktikaufgaben, wiederholt Varianten, analysiert Endspiele.
Keine Krise im deutschen Team
Kritik am deutschen Frauenteam, das zuletzt unter dem Schlagwort „Krise“ in Medienberichten auftauchte, will Wagner nicht gelten lassen. Zwar sei das Team durch den Verzicht von Elisabeth Pähtz bei der kommenden Europameisterschaft etwas geschwächt, aber es gebe es keinen Grund zur Schwarzmalerei: „Wir werden das schon schaffen.“ Einige andere Spielerinnen hätten Elo gewonnen. Außerdem habe nicht zuletzt die Deutsche Meisterschaft offenbart, dass der Nachwuchs oben anklopft.
Den neuen Bundestrainer Zahar Efimenko kennt Wagner persönlich noch nicht. Efimenko sei ein starker Spieler, mache einen sympathischen Eindruck. Sie freue sich auf die Zusammenarbeit, sagt Wagner.