„Menschenfänger“ schrieb der zwei Jahre ältere Helmut Pfleger einst über Frederic Friedel. Kaum jemand ist so tief und vielfältig mit der internationalen Schachszene verbunden wie der Chessbase-Mitgründer, der am 2. August 2025 seinen 80. Geburtstag feiert. Kaum jemand hat so viele persönliche Beziehungen zu Weltmeistern und Supergroßmeistern aufgebaut, kaum jemand hat den Wandel des Sports vom analogen ins Computerzeitalter, auch die Demokratisierung der Schachinformation so geprägt wie Frederic Friedel.

Ein journalistischer Zufall führte Frederic Alois Friedel in die Schachwelt. Noch vor dem Schachcomputerboom in den 1980ern fand der junge TV-Wissenschaftsredakteur Friedel interessant, dass Computer Schach spielen können. Er produzierte eine 45-minütige Dokumentation über Computerschach. „Und dann wurde ich langsam in die Schachszene reingezogen“, berichtete er 2022 im damaligen Schachgeflüster-Podcast – als ob er kaum dazu beigetragen hätte.

Tatsächlich trug er erheblich dazu bei, indem er den Menschen Garri Kasparow einfing. Dem schickte Friedel am 21. Januar 1985 eine Diskette mit Computerspielen nach Baku. Einige Monate später, der Spiegel hatte Kasparow nach Hamburg eingeladen, stand der angehende Weltmeister unangemeldet vor Friedels Haustür in 2114 Hollenstedt bei Hamburg. Und wollte, dass ihm Friedel alles erzählt, was er über Computer weiß. Im ersten Zwiegespräch des technikbegeisterten Journalisten mit dem technikbegeisterten Großmeister entstand die Idee, eine Schachdatenbank zu entwickeln.
Über dieses Projekt berichtete das Nachrichtenmagazin am 17. November 1985, acht Tage, nachdem Kasparow das WM-Match gegen Anatoli Karpow gewonnen hatte: „Dem neuen Weltmeister schwebt vor, eine Datenbank für Klubspieler zu erarbeiten. Auf einem Dutzend Disketten könnten Zehntausende von Partien und Stellungen gespeichert werden. Auf Heimcomputern wären sie viel griffiger zu handhaben als in Schachbüchern und -zeitschriften. (…) Ließen sich solche Ideen verwirklichen, würde sich für die Hersteller von Heimcomputern ein neuer Markt entwickeln.“
Einen „Hersteller von Software“ konnte sich der Spiegel damals offenbar noch nicht vorstellen.
Nach der Veröffentlichung meldete sich eine Reihe von Leuten bei Friedel, Leute, die in erster Linie Kasparow kennenlernen wollten, anstatt die Idee einer Schachdatenbank zu verfolgen. Eine substanzielle Programmierarbeit hatten sie nicht vorzuzeigen. Die offenbarte sich erst, als ein schüchterner Schachspieler namens Matthias Wüllenweber bei Friedel vorstellig wurde. Der Physikstudent aus Bonn hatte tatsächlich eine Schachdatenbank programmiert.
Nun war es an Friedel, Kasparow ein zweites Mal einzufangen. Der Weltmeister wollte Wüllenwebers Entwicklung anfangs gar nicht sehen. Friedel musste ihn zwingen hinzuschauen.
Im Mai 1986 gewann Garri Kasparow in Basel mit 5,5:0,5 ein Match gegen Tony Miles, von dem vor allem das Miles-Zitat „Monster mit 1000 Augen“ in Erinnerung geblieben ist. Friedel und Wüllenweber, der nach Basel getrampt war, hatten sich in einem Hotel mit Kasparow verabredet. In Friedels Hotelzimmer stand ein Computer mit dem Ur-Chessbase bereit.

Kasparow kam dazu, müde von der Partie gegen Miles, die er gerade gespielt hatte, und unwillig, jemanden kennenzulernen. Als er Wüllenweber erblickte, drehte er sich um und wollte gehen. „Ich habe seinen Weg blockiert“, berichtete Friedel im Schachgeflüster. Widerwillig habe sich Kasparow aufs Bett gesetzt und zugeschaut, wie ihm Wüllenweber in aller Bescheidenheit seine Entwicklung zeigte. Wenig später fielen die Worte, die heute als das Zitat von der „größten Entwicklung im Schach seit der Erfindung des Buchdrucks“ überliefert sind.
Ob das wörtlich gesagt worden ist, wer weiß. Belegt ist, was Garri Kasparow später in seinem Buch „Child of Change“ über die Begegnung im Baseler Hotelzimmer schrieb: „When I saw what they had done, I could scarcely believe it. I threw myself back on the bed at the wonder of it. I stayed silent thinking about it for so long that they thought I’d fallen asleep. Then I started typing my games into the computer. Matthias, clearly a genius in his field, was greatly encouraged by my enthusiasm.“

Nicht nur Kasparow war häufiger Gast in Hollenstedt, wo Friedel bis vor kurz seinem 80. Geburtstag gelebt hat. Er besitzt ein einzigartiges Gästebuch, in dem sich zahlreiche prominente Schachspieler verewigt haben, darunter Größen wie Viswanathan Anand, Judit Polgar und viele jüngere Stars des Denksports wie Gukesh. Rekord-Gastschläfer bei Friedels ist Viswanathan Anand mit 36 Übernachtungen. Dazu Friedel im Schachmagazin 64: „Garri schläft mittlerweile lieber in einem nahen Hotel, aufgrund meiner notorischen Gewohnheit, lange wach zu bleiben und zu arbeiten.“
Friedel war stets mehr als ein Gastgeber, auch ein Mentor, der seine Gäste ins heimische Familienleben mit Kindern und Enkeln einband. Besonders tief ist seine Verbindung zu dem indischen Wunderknaben Gukesh, den er liebevoll „Guki“ nennt. Während des WM-Matches 2024 gegen Ding Liren tauschten sie sich per WhatsApp aus. Womöglich hat Friedels Tipp, in der vierten oder fünften Stunde mit etwas Schokolade Energie nachzuladen, zu Gukeshs WM-Sieg beigetragen.

Die jungen Stars des Schachs fördert und fordert Friedel spielerisch genauso, wie er einst seine Kinder und heute seine Enkel anhält, ihr Gehirn zu benutzen. Er fesselt sie, indem er sie mit kleinen Rätseln und Denkaufgaben herausfordert, auch das eine Komponente seines Wirkens als Menschenfänger. Heute berichtet Friedel, dass nicht nur Gukesh immer noch regelmäßig bei ihm anruft: „Ich frage mich, was diese genialen Spieler von mir altem Mann eigentlich wollen. Aber oft wollen sie einfach eine Meinung hören, über die sie nachdenken können.“

Bobby Fischer hat Friedel gekannt, aber nie getroffen. In mehreren langen Telefongesprächen stand einst der Plan zur Debatte, einen Wettkampf Fischer vs. Anand zu organisieren. „Anfangs habe ich ihn mit großer Verehrung angesprochen, aber langsam wurde ich frecher. Er nahm das hin, was mich überraschte“, erzählt Friedel amüsiert.
Das in den 90ern oft herbeigeredete Match zwischen dem neuen Stern aus Indien und dem am Brett nie entthronten Weltmeister aus den USA fand nie statt. Erst 2006 kam es auf Betreiben Fischers in Reykjavik zu einer privaten Begegnung. Anand hat später dem Spiegel berichtet, wie er im Park auf einem Taschenschach gemeinsam mit Fischer WM-Partien von 1974 analysierte.
Als aus der Chessbase-Erfindung ein Unternehmen geworden war, prägte Friedel für zwei Jahrzehnte speziell die englische Website. Auf eine Weise war der einstige öffentlich-rechtliche Wissenschaftsjournalist einer der ersten, wenn nicht der erste Schachblogger. Sein persönliches Interesse an technischen und kulturellen Entwicklungen sowie seine Begegnungen mit allen führenden Spielerinnen und Spielern bildeten die inhaltliche Grundlage für die Vielzahl seiner Berichte, Essays und Analysen.
Wenn heute beim reichweitenstarken Ableger Chessbase India „Sagar Shah“ draufsteht, dann ist immer noch Friedel drin. Shah, heute der womöglich bekannteste Schachreporter der Welt, hat einst Beiträge für die englischsprachige Chessbase-Seite veröffentlicht. Von Friedel ließ er sich gern redigieren, studierte, was der Chef an seinen Texten geändert hatte, und lernte daraus.
Frederic Friedels enge Verbindung nach Indien liegt auf der Hand. Am 2. August 1945 ist er in Bombay (heute: Mumbai) geboren worden. Seine Kindheit und Jugend hat er unter teils abenteuerlichen Umständen in Indien verbracht. Als junger Erwachsener zog er nach Deutschland. In Hamburg, später in Oxford studierte er Philosophie, Wissenschaftstheorie und Linguistik. 2018 bis 2021 hat Friedel, lesenswert!, die bewegte Lebensgeschichte seines aus Bayern stammenden Vaters Alois Friedl aufgeschrieben.
Frederic Friedel schreibt bis heute, behauptet gar, das Schreiben sei, neben dem im indischen Dschungel erlernten Fangen kleiner Tiere, das Einzige, was er beherrscht. Auf der englischen Chessbase-Seite ist er gelegentlich präsent, außerdem führt er seit Mitte 2016 die „Friedel Chronicles“. Dort geht es selten um Schach. Zuletzt hat er sich mit der Wirksamkeit von Covid-Impfungen auseinandergesetzt.

Super Bericht! Danke!
das WM-Match Gukesh-Ding war aber 2024 🙂