Neuer Bundestrainer, altes Problem: Zahar Efimenko und die Suche nach Stabilität

Der erste Wunsch des neuen Bundestrainers Zahar Efimenko wird nicht in Erfüllung gehen. „Mit den stärksten Spielerinnen“, sagte er im DSB-Antrittsinterview, würde Efimenko gerne seine erste Standortbestimmung absolvieren, die Mannschaftseuropameisterschaft im Oktober. Aber die Spielerin, die das deutsche Team mehr als 20 Jahre lang angeführt hat, wird fehlen.

1998 im Alter von 13 Jahren hat Elisabeth Pähtz ihr Debüt in der Nationalmannschaft gegeben. Auf Anfrage dieser Seite bestätigte sie jetzt, dass sie 2025 in Batumi nicht mit von der Partie sein wird. Ohnehin wähnt sie sich im Herbst einer Karriere, die langsam ausklingt. Dazu kommt ihr getrübtes Verhältnis zur DSB-Führung, speziell zu Präsidentin Ingrid Lauterbach.

Zahar Efimenko im Dress des Bundesligisten SV Werder Bremen. | Foto: Conrad Schormann

In der Bewertung des neuen Bundestrainers sind sich die Nummer eins der deutschen Rangliste und die oberste deutsche Schachfunktionärin gleichwohl einig. „Jung, engagiert, bringt viel Energie mit“, sagt Pähtz. „Eine sehr kompetente Persönlichkeit“, sagt Lauterbach. Unter mehreren Kandidaten war Efimenko laut Sportdirektor Kevin Högy in jeder Bewerbungsrunde derjenige, „der am meisten überzeugt hat“.

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Auch den entscheidenden Test absolvierte Efimenko als Klassenbester, das von Aktivensprecherin Josefine Safarli organisierte 90-minütige Online-Probetraining mit (potenziellen) Nationalspielerinnen. Lara Schulze, die beim SV Werder Bremen seit rund neun Monaten wöchentlich mit Efimenko trainiert, hat das nicht überrascht. Die 23-Jährige sieht in ihrem Vereins- und Mannschaftskameraden den idealen Bundestrainer: „Das Training ist schon immer richtig gut. Er bringt Kritik so ein, dass sie motiviert statt demotiviert. Er ist sehr lieb, sehr kompetent – und ich glaube, das ist genau das, was wir als Team schätzen“, erklärte Schulze jetzt im sonntäglichen Talk des Chess-Tigers-Shops.

„Schachliche Maschine“

Safarli (früher: Heinemann), hält den neuen Coach für „in der Theorie sehr fit“. Diese Qualität werde bei Mannschaftswettbewerben hilfreich sein. Ein weiteres Argument: Der Ukrainer Efimenko versteht und spricht Deutsch. Das mache das Training einfacher, finden die Nationalspielerinnen, die ihren neuen Coach zum Auftakt geschlossen mit Vorschusslorbeeren bedenken.

Die bekommt er auch von einem Vorgänger. Jonathan Carlstedt, der die Mannschaft vor einiger Zeit kurz betreut hat, lobt den neuen Mann: „Eine schachliche Maschine. Für den DSB ist das eine wunderbare menschliche und schachliche Lösung – besser wird’s nicht“, sagte Carlstedt im Sonntagstalk mit Lara Schulze und Michael Busse. Ex-Nationalcoach Carlstedt betont, er selbst sei nicht unter den Bewerbern gewesen.

Am 18. Juli hat der DSB die Verpflichtung des 40-jährigen Ukrainers als Nachfolger von Yuri Yakovich bekanntgegeben. Dessen zum 30. Juni auslaufenden Vertrag hat der DSB nach vier Jahren nicht verlängert.

Als der Deutsche Schachbund Bundestrainer Yuri Yakovich ein Angebot machte, das er nicht annehmen konnte.

Efimenko übernimmt die Frauen in einer Phase, in der diverse Experten nach einer enttäuschend verlaufenen Einzel-EM eine Krise diagnostiziert haben. An der Spitze der deutschen Rangliste haben zuletzt Pähtz und Dinara Wagner ordentlich Ratingpunkte eingebüßt. Anstatt am GM-Level zu kratzen, fehlt nicht mehr viel, dann fallen beide unter 2400 Elo. Die Spielerinnen hinter den beiden Spitzenfrauen reden über diese 2400-Marke als Ziel, aber erreichen sie nie.

Die deutschen Top Ten. | via FIDE

Tatsächlich gelingt es nicht erst seit Yuri Yakovich keiner Kaderspielerin, sich zumindest deutlich über 2300 zu etablieren – und sich von der Generation davor abzusetzen. Drei der Frauen in den deutschen Top 10 entstammen einem 1970er-Jahrgang. Zoya Schleining, mit 2322 Elo die deutsche Nummer 5, ist gar Jahrgang 1961. Die nach Dinara Wagner höchstplatzierte Spielerin unter 30 ist Lara Schulze auf Rang 7.

Potenzial ja, Konstanz nein

Die erste gute Nachricht für den neuen Bundestrainer: Fehlendes Potenzial seiner Nationalspielerinnen ist nicht das Problem. Auf 2400-Level spielen können sie alle und haben es oft genug gezeigt. Die zweite gute Nachricht: Das Hauptproblem ist leicht zu identifizieren: heftige Leistungsschwankungen. Dass Leuten, die so gut im Schach sind wie die deutschen Kaderspielerinnen, immer wieder Turniere krass missraten, ist eigentlich unbegreiflich. Aber es ist so, und das seit Jahren.

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Zahar Efimenko und mehr noch seine Schützlinge stehen jetzt vor der Herausforderung, eine Lösung für dieses Problem zu finden, Stabilität reinzubringen. An dieser Aufgabe ist Yury Yakovich gescheitert.

„Mehr Freiwillige als Gewehre“

Schachlich und als Trainer kann der aus Makijiwka bei Donezk stammende Großmeister Efimenko eine glänzende Vita vorzeigen: Jugendweltmeister, ukrainischer Einzelmeister und Teil des Olympiasiegerteams 2010. Seine höchste Elo-Zahl lag 2011 bei 2711, heute 2565. Als Trainer arbeitete er an der Seite von Vladimir Kramnik, Ruslan Ponomariov und Pavel Eljanov. Die Kasachin Zhansaya Abdumalik coachte er zum GM-Titel.

Gold bei Schacholympia 2010. Links: Zahar Efimenko. | Foto via FIDE

Seit 2022 lebt Efimenko in Delmenhorst, eine Folge des Kriegs in seiner Heimat. Nach Russlands Angriff war er entschlossen, sein Land zu verteidigen. „Ich war voller Wut und bereit, Soldat zu werden“, erklärte Efimenko gegenüber dem DSB. Dass es nicht dazu kam, lag nicht am fehlenden Willen, sondern am Mangel an Waffen: „Es gab mehr Freiwillige als Gewehre.“

Über seine langjährige Verbindung zum Schachbundesligisten Werder Bremen gelang die Flucht nach Deutschland. Hier hat er Deutsch bis zum C1-Niveau gelernt, an der Volkshochschule Schach unterrichtet und Wurzeln geschlagen. „Delmenhorst ist unsere zweite Heimat geworden. In die Ukraine zurückzukehren, ist derzeit keine Option.“

https://youtu.be/c3WtIQTnFPo
Als Zahar Efimenko 2024 beim traditionellen Normturnier in Bremen Christian Glöckler von der Schippe sprang.

„Schach ist Leben“, sagt der neue Bundestrainer. Ein einziges Leben reiche nicht, um alles über das Spiel zu lernen. Das bedeutet für ihn auch: Kein Trainer kann seinen Schützlingen je alles beibringen.

Ihm bleiben jetzt gut zwei Monate, um ein Team zu stabilisieren, das zuletzt schwankte, dem auf der Zielgeraden der Schacholympiade 2024 die Luft ausging und dessen Einzelspielerinnen ihre Form suchen. Seine Rolle sieht er darin, die Informationsflut zu ordnen, klare Richtlinien zu geben und die Spielerinnen gezielt auf ihre Partien vorzubereiten.

Standortnachteil

Efimenko will, und das klingt erst einmal sehr bescheiden, die deutschen Frauen bei der EM unter die Top Ten führen. „Das wäre ein erfolgreiches Ergebnis, weil die Konkurrenz in Europa stark gewachsen ist“, erklärt er. „Viele Länder investieren massiv in ihre Teams.“ Gezielte Vorbereitung helfen, das Ziel zu erreichen: Ein Trainingslager vor der EM soll Teamgeist und Moral stärken.

Das Potenzial seiner Mannschaft sieht Efimenko durchaus, aber auch strukturelle Herausforderungen und einen Standortnachteil. Spielerinnen haben (Neben-)Jobs, weil es in Deutschland kaum möglich ist, allein vom Schach zu leben. „Das macht es schwer, mit Ländern zu konkurrieren, deren Spielerinnen täglich sechs bis acht Stunden trainieren können.“ Seine Antwort: Mehr Nachwuchsarbeit, frühzeitig Talente finden und sie in die Nationalmannschaft integrieren. „20-Jährige bringen mehr Energie und Motivation mit als 40-Jährige.“

Während Elisabeth Pähtz (rechts) ihre Karriere als Spielerin langsam ausklingen lässt, fängt die von Svenja Butenandt gerade an. Für die Nationalmannschaft wird es anno 2025 eher noch nicht reichen, aber allzu weit entfernt ist sie davon nicht mehr. | Foto: Conrad Schormann

Trotzdem wird Efimenko nicht kurzfristig sein Team umkrempeln können. Dafür fehlen ihm die Alternativen. Firouzja- und Pähtz-Besiegerin Antonia Ziegenfuß als vielleicht Höchstbegabte in den jungen Jahrgängen fokussiert sich auf ihr Medizinstudium, nicht aufs Schach. Charis Peglau, Svenja Butenandt oder Luisa Bashylina haben das Zeug, bald den Etablierten auf die Pelle zu rücken, aber noch sind sie nicht so weit.

Das Männer-Quintett für Batumi 2025 steht fest.

Öffentlich bekannt ist das deutsche Quintett für Batumi noch nicht, aber dem Vernehmen nach ist es intern längst nominiert. Überraschungen sind eher nicht zu erwarten.

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Lumi
Lumi
5 Monate zuvor

Warum man nicht auch einen kompetenten Mental-Trainer-/Trainerin fest in das Training von dieser Spitzensportlerinnen integriert ist unverständlich. Offensichtlich ist dort eine Schwäche vorhanden. In vielen anderen Sportarten ist das der Standard. Im absoluten Mental-Sport Schach ist das nicht nötig? Wie man es in D-Land handhabt, das ist einfach zweitklassig. Aber selbst den Spielerinnen ist das Kuscheln und Wohlfühlen wichtiger. Damit erreicht man im Leistungssport jedoch meistens nur wenig. Weiterhin viel Spaß beim Jammern und Kuscheln auf den Rängen!

Thomas Richter
Thomas Richter
5 Monate zuvor

Das ewige Gerede über mangelnde Stabilität empfinde ich als jedenfalls übertrieben. Man kann eben nicht davon ausgehen, dass ein Elo-Maximum „das echte Niveau ist mit ab da Luft nach oben“. Schwankungen gehören dazu, auf diesem Elo-Niveau sind sie vielleicht ohnehin ausgeprägter und werden dabei durch (für die meisten) K-Faktor 20 „betont“. Sie können auf 2400-Level spielen, sie können eben auch mal auf 2200-Level spielen. Bei den deutschen Männern gibt es generell keinen Grund für Sorgen, aber auch sie sind etwas instabil. Ich greife mal Frederik Svane heraus, letzte Turnierleistungen: Europameisterschaft November 2024 TPR 2754 Tata Steel Challengers (Mitfavorit) 2594 EM… Weiterlesen »

swe15
swe15
5 Monate zuvor

Die präventiven Entschuldigungen klingen nicht besonders vielversprechend, vor allem da dies alles im Vorfeld bekannt war. Es sollte jedem klar sein, dass es in absehbarer Zeit keine breite Vergabe von Schach-Stipendien durch den deutschen Staat geben wird. Der DSB hat ohnehin finanzielle Engpässe, sodass auch von dort nichts zu erwarten ist. Der Punkt bezüglich der 2300 Elo und dem Erreichen von 2400 ist unkompliziert: Ab 2300 Elo + Normen ist eine Spielerin auf dem Weg zum WGM-Titel. Sie wird sich (Frauen) Großmeisterin nennen dürfen, was außerhalb der tiefsten Schachszene sicherlich von Vorteil ist. Danach ist das Upgrade zum IM im… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
5 Monate zuvor

„Öffentlich bekannt ist das deutsche Quintett für Batumi noch nicht, aber dem Vernehmen nach ist es intern längst nominiert. Überraschungen sind eher nicht zu erwarten.“ Das ist für mich die interessantere Frage, konkret: Dolzhykova nun in die Nationalmannschaft oder weiterhin nicht? Jung ist sie nicht mehr, dabei weiterhin motiviert (vielleicht aktuell mehr als Paehtz). Ohne Paehtz gibt es wohl sechs Kandidatinnen für fünf Bretter: Dinara Wagner natürlich gesetzt, Josefine Safarli wohl auch, Lara Schulze wegen gutem Draht zum neuen Bundestrainer auch? Bleiben Hanna Marie Klek, Kateryna Dolzhykova und Jana Schneider. Im Artikel genannte junge Spielerinnen sind aktuell durchaus noch „weit… Weiterlesen »