Nach drei Jahren im Kampf gegen russische Drohnen wendet sich Igor Kovalenko wieder dem Schachbrett zu. Der ukrainische Großmeister, Nummer 46 der Welt, diente seit April 2022 als Soldat an der Front. In der Saison 2025/26 wird er wieder für den SC Viernheim in der Schachbundesliga spielen. Das hat der südhessische Club jetzt mitgeteilt.

„Seine Rückkehr bedeutet für uns viel mehr als eine sportliche Verstärkung“, sagt Vereinschef Stefan Martin. Nach Jahren des Bangens sei im Club die Erleichterung groß, Kovalenko in relativer Sicherheit zu wissen.
Der Schachprofi und angehende Priester meldete sich unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine freiwillig zum Dienst in den Streitkräften. Er war unter anderem im besonders umkämpften Gebiet rund um Donezk stationiert, wo er mit seiner Einheit russische Drohnen bekämpfte. Für seinen Einsatz wurde Kovalenko 2023 vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit dem Orden „Für Tapferkeit“ ausgezeichnet.
Kovalenko ist einer von etlichen ukrainischen Spitzensportlern, die helfen, ihr Land zu verteidigen. Box-Schwergewichtsweltmeister Oleksandr Usyk etwa meldete sich unmittelbar nach dem Überfall auf die Ukraine zur Territorialverteidigung. Nach etwa einem Monat sollte und durfte er sich wieder auf seine sportliche Karriere konzentrieren, da seine Präsenz in den Medien für die Ukraine als immens wichtig gelten. Gerade erst hat er sich zum zweiten Mal nach 2024 alle vier WM-Gürtel im Schwergewicht gesichert.
Tennisprofi Sergiy Stakhovsky kämpfte an der Front bei Bachmut, Gewichtheber Oleksandr Pielieshenko, zweifacher Europameister, fiel im März 2024 im Osten der Ukraine.

Kovalenko lebt nach drei Jahren an der Front jetzt wieder in Kyjiw. Den ukrainischen Streitkräften gehört er weiterhin an, aber sein Auftrag ist vorerst ein friedlicher: Nach den Strapazen der vergangenen Jahre soll er seine Gesundheit vollständig wiederherstellen, um die ukrainische Nationalmannschaft zu verstärken und den Schachsport in der Ukraine populärer zu machen.
Auch als jüdisch-messianischer Geistlicher ist der 36-Jährige gefragt. Kovalenko hilft verwundeten oder aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Kameraden „beim Wiederaufbau ihrer Seelen“, wie er im Interview für die Homepage des SC Viernheim sagte.

Sein sportliches Comeback gibt Kovalenko bereits im August beim renommierten Rubinstein-Memorial in Polen. Im stark besetzten Großmeisterturnier startet er als Nummer zwei der Setzliste hinter seinem Viernheimer Teamkollegen Aravindh. In Polanica-Zdrój wird er auch auf Doppel-Europameister Matthias Blübaum treffen.
Nominell gehört Kovalenko noch zu den Top 50 der Welt, vermag aber nicht einzuschätzen, wo er nach langer Pause tatsächlich steht. Das will er nun Schritt für Schritt herausfinden und sich nach Möglichkeit in den Top 100 stabilisieren.

Seit der Saison 2016/17, seinerzeit in der zweiten Bundesliga Süd, ist Kovalenko als einer von mehreren Ukrainern Teil des Viernheimer Kaders. Seinen bislang letzten Einsatz für die Südhessen hatte er am 27. November 2022 in der Schachbundesliga. Beim 6,5:1,5-Sieg über den FC Bayern München kam Kovalenko quasi direkt von der Front nach Viernheim ans Brett. In den 2,5 Jahren danach waren ihm solche Pausen vom Kampfeinsatz nicht mehr möglich.
Für Stefan Martin ist Kovalenkos Rückkehr in den Kader auch Ausdruck des europäischen Selbstverständnisses, das der vor allem nach Frankreich und in die Ukraine vernetzte SC Viernheim seit langem lebt. Martin: „Unsere Großväter haben sich in Europa die Köpfe eingeschlagen, unsere Väter haben die EU gegründet, und wir wollen sie nun leben.“ Igor Kovalenko passe zum Wertekanon des Clubs: als Ukrainer, Europäer und Mitglied eines internationalen Teams, das den SC Viernheim vertritt.
Er sei dankbar für die Solidarität, die klare Haltung und „dass man mir zutraut, helfen zu können“, sagt Kovalenko. Seine Rückkehr ins Bundesligateam fällt in die sportlich erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte. 2024 wurde der SC Viernheim zum ersten Mal Deutscher Meister, 2025 Vizemeister und zum ersten Mal Deutscher Pokalsieger. 2025/26 will der Club mit dem ukrainischen Kriegsrückkehrer in seinen Reihen ein weiteres Kapitel dieser Erfolgsgeschichte schreiben.
Es macht mich zutiefst traurig, dass Krieg & Gewalt in Europa wieder zur Normalität, zum Alltag geworden sind. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt für seinen weiteren Lebensweg. Viele Menschen in diesem Land und in Europa haben immer noch nicht begriffen, dass wir ALLE schon lange in diesem Krieg sind. Zuerst die Gedanken, dann die Worte, dann die Taten. Im positiven wie im negativen Sinne. Ich wünsche euch allen eine gute Zeit!