Wenn das Sakko fällt: Hoodies, Logos und Lex Germany

Schach ist bekanntlich ein Denksport. Auf dem höchsten Level fängt das Denken schon beim Einkleiden für die Partie an. Der Deutsche Schachbund (DSB) hat sich jetzt mit einem Sportartikelhändler und einem -hersteller zusammengetan, damit unsere Nationalspielerinnen und Nationalspieler künftig auch so aussehen. Was einfach klingt, war mit dem Reflektieren über eine ganze Reihe von Abwägungen und widerstreitenden Interessen verbunden.

Erstmal zum Deal an sich. Der, zum 1. Juli abgeschlossen, am 11. Juli verkündet, bringt Hoodies, Polos und demnächst sogar eine Classic-Kollektion. Die bisherige Teamkleidung – Sakkos mit sehr großen DSB-Logos – ist Geschichte. Das ist, vor allem für die Frauen, eine fantastische Nachricht.

Hallelujah! Sie müssen nun nicht mehr Sakko tragen, sondern dürfen aussehen wie Athletinnen, die den deutschen Sport repräsentieren. | Foto: Stev Bonhage/DSB

Dass die Frauen bislang in Männer-Sakkos auftraten, die in den Schultern klafften und an Funktionärstreffen in stickigen Versammlungsräumen erinnerten, sah eher mittelgut aus. Jetzt also Polos, Hoodies, bequem, sportlich, schick. Der DSB zeigt, dass er beim Stoff in der Gegenwart angekommen ist.

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Wer sich beschweren will, dass es fast 150 Jahre gedauert hat, bis unsere Besten angemessen aussehen – gemach! Vergegenwärtigen wir uns die komplexe Gemengelage, in der unsere Schachbekleidungsverwaltung navigiert. Die erlaubt keine Schnellschüsse.

Zunächst wäre da die Sache mit dem Logo des Verbands. Es ist geblieben. Und, so scheint es, noch einmal gewachsen. Das neue DSB-Logo nimmt stolze Flächenanteile auf der Brust der neuen Trikots und Hoodies ein. Aber nein, die Überdimensionierung ist keine optische Fortsetzung der langen Geschichte von Schachverbandsbeamten, die sich wichtiger nehmen als diejenigen, die spielen können. Im Gegenteil sogar.

Die große Mehrheit derjenigen, die Schach spielen, gehören keinem Verein und damit nicht dem DSB an, wissen womöglich nicht einmal, dass es ihn gibt. Die neuerliche Logovergrößerung auf dem Dress unserer Identifikationsfiguren, hier Dinara Wagner, stellt jetzt sicher, dass niemand mehr das Erkennungszeichen des organisierten Schachs in Deutschland übersehen kann. | Foto: Stev Bonhage/DSB

Das Riesenlogo, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht, repräsentiert Demut und Offenheit. Es zeigt, dass der DSB seine Rolle im Ökosystem Schach verstanden hat. Der Verband vertritt, so schätzen Kenner, vielleicht 10 Prozent derer, die in diesem Land regelmäßig spielen. Umso größer also das Logo, ein schlauer Zug: Die 90 Prozent sollen nicht länger übersehen, dass es diesen wunderbaren Verband gibt. Und dass man sich ihm anschließen kann (und sei es nur als Dankeschön für die Gratis-FIDE-ID, die der DSB an Nichtmitglieder zu verschenken sich leistet).

Am Ausschöpfen des gewaltigen Mitgliederpotenzials der nicht organisierten 90 Prozent arbeitet unser Verband seit Jahren. Und scheut keine Kosten. Ursprünglich wollten wir für eine neue Mitgliederverwaltungs- und DWZ-Berechnungssoftware nur 100.000 Euro ausgeben, aber unsere Verantwortlichen haben bald erkannt, dass wir uns derart Billiges nicht leisten können. Jetzt investieren wir geschätzte 750.000 Euro unseres Beitragsgelds, nein, eben nicht in goldene Wasserhähne für das Betriebsgebäude einer österreichischen IT-Firma, sondern darin, dass unsere Mitglieds- und Ratingdaten Weltklasse verwaltet werden.

Wir 90.000 können darauf stolz sein. Natürlich tat es wegen dieser gewaltigen Investition ein bisschen weh, fast zwei Jahre lang mit leerer Kasse dazustehen, aber letztlich haben wir weise, vorausschauend und nicht zuletzt selbstlos die Grundlage geschaffen, dass wir demnächst 900.000 sein können, ohne an technische Grenzen zu stoßen.

Die Mitglieder- und DWZ-Verwaltung ist vorbereitet auf den Ansturm, den jetzt unsere Besten in schicken Nationaltrikots auslösen werden. Zu den Trikots kommen flankierende Maßnahmen: Die Initiative, auch die bislang vernachlässigte Hälfte der Bevölkerung für Schach zu interessieren, läuft längst. Dazu ein speziell auf Schach-Neulinge abgestelltes Sonderangebot, das den Mitgliederboom noch forcieren wird.

Wahrscheinlich ein Tippfehler auf der DSB-Seite. Natürlich geht es um Identifikation mit denen, die am besten spielen können, mit den sportlichen Zugpferden. Das Identifikationspotenzial des Verbands an sich ist eher überschaubar.

Auch dieses flankierende Sonderangebot ist von langer Hand angebahnt. Ein erster Versuch, das ist mittlerweile sieben Jahre her, war am Endgegner im deutschen Schach gescheitert, dem DSB-Kongress. Der sollte damals eine „DWZ-Lizenz“ beschließen, sodass Leute erstmal Schachturniere ausprobieren bzw. in die Szene zurückkehren können, bevor sie sich einem Verein ihrer Wahl anschließen.

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Was Sinn ergibt, was konstruktiv ist und einfach und offensichtlich, prallt generell am DSB-Kongress ab. Das war bei der DWZ-Lizenz nicht anders.

Um die Kongressblockade zu umgehen, hat unser Verband ein externes Sonderangebot ausgetüftelt – und, quasi als Subunternehmer, einen unserer Besten ins Boot geholt, um es unter die Leute zu bringen. „Outsourcing“ hieße in der Wirtschaft, was beim Schach passiert. Statt einer DWZ-Lizenz vom DSB gibt es jetzt eine DWZ-Lizenz von Niclas Huschenbeth. Der posierte in München mit Verbandslogo – und bringt DSB-Mitgliedschaften für 3 Euro/Monat (ermäßigt: unter 2 Euro/Monat) unter die Leute, ohne dass der Kongress diese Initiative kaputtmachen könnte.  

Wir sehen nun, welch lange Vorarbeit, wie viele Erwägungen, welche Winkelzüge und wie viel Voraussicht hinter dem stecken, was für nicht Eingeweihte einfach nur aussieht wie ein viel zu großes Logo auf einem Hemd.

Niclas Huschenbeth im neuen DSB-Dress wird nicht nur als Zugpferd und Identifikationsfigur für verstärktes Interesse am Schach sorgen. Außerdem verkauft er günstige DWZ-Lizenzen für Leute, die erstmal Turniere ausprobieren wollen, bevor sie sich einem Verein anschließen. | Foto: Stev Bonhage/DSB

Aber wieso eigentlich nur ein Logo? Warum nicht zwei? Ließe sich fragen, aber auch das ist Teil eines Plans. Anders als etwa der darbende Fußball-Sponsor VW hat es Nationalmannschaftsmäzen UKA nie nötig gehabt, sichtbar zu sein. Der Konzern bzw. sein Chef Gernot Gauglitz gibt Jahr für Jahr ordentlich Geld ins Schach und erwartet dafür – nichts. Ein Sponsor, wie er im Buche steht (zumindest wenn das Buch ein philosophisches über Altruismus ist).

Dank der Selbstlosigkeit von UKA ist auf den neuen Trikots nun ein Logo-Platz frei. Diese optische Vakanz ist Teil des Masterplans unseres Präsidiums, im Hinblick auf den Schachgipfel 2026 und das Jubiläum 2027 aus den Sponsoring-Angeboten von Dax-Konzernen bald das höchstdotierte auszuwählen. Und nachzuverhandeln: Dank Logomöglichkeit auf dem Trikot werden sich noch ein paar Extra-Taler fürs organisierte Schach herausschlagen lassen.

Da fehlt doch jemand? | Fotomontage via DSB

Die Spielerinnen und Spieler finden das neue Outfit gut. Und es sieht ja auch fesch aus. In München, fotografiert von Stev Bonhage, traten sie gemeinsam in Teamkleidung an – bis auf einen. Vincent Keymer, Deutschlands bekanntester Spieler, eigentlich das Schach-Zugpferd schlechthin. Sollte nicht gerade unser Weltklassemann die Frontfigur des neuen Nationalmannschafts-Designs sein? Aber Fehlanzeige. Wer Keymer auf den Meisterschaftsbildern sucht, findet ihn ausschließlich im zivilen Rock.

Wir hören die oberflächlichen Betrachter:innen schon mosern: „Mit unseren Mitgliedsbeiträgen finanzieren wir ihm die Sonderförderung, und dann will er nicht einmal unser Trikot tragen?“ Aber wer genauer hinsieht, der versteht und anerkennt, wie Keymer und sein Management das Spiel hinter dem Spiel perfektioniert haben.

Den Spitznamen „Vinnie Litfaß“ trägt er nicht umsonst, er hat ihn sich erarbeitet. Dank kontinuierlichen, gezielten Personal Brandings stehen in Saulheim die potenziellen Sponsoren seit Jahren Schlange. Sie überbieten einander, um einen Platz auf der Brust oder am Herzen unserer Nummer eins zu ergattern. Ein professionell durchvermarkteter Superstar kann nicht einfach so ein Verbandsjäckchen überziehen. Und sich schon gar nicht darin ablichten lassen, ohne dass das genau geregelt ist.  

Andererseits will er sich nicht verweigern. Im Hinblick auf die bevorstehende Mannschaftseuropameisterschaft arbeitet Keymers Team mit dem DSB nun, so hört man, an einer besonderen Lösung. Unser Überspieler bekommt einen Hoodie und ein Shirt mit rotierender Werbefläche, die es ermöglichen soll, während einer Partie der Vielzahl seiner Partner und Unterstützer Sichtbarkeit zu geben. So ist sichergestellt, dass die Nationalmannschaft in Georgien einheitlich im DSB-Dress auftritt.

Vom Champion lernen: Nach seinem #Jeansgate bei der Rapid-WM boxte Carlsen eine Lex Carlsen durch. Die folgende Blitz-WM hätte er wahrscheinlich auch in Feinripp spielen können, ohne dass das ein Offizieller moniert hätte.

Dass das mit dem Nationaltrikot überhaupt funktioniert, auch im Hinblick auf Schacholympia 2026, ist übrigens ein diplomatisches Husarenstück unseres Verbands. Die FIDE, der Weltverband, sieht in ihrem Dresscode „Business Casual“ vor. Also: Hemd, Jacke, lange Hose. Keine Polos. Keine Hoodies. Keine Sportkleidung. Logos nur mit Genehmigung.  

Das könnte schon der Strich durch die deutsche Hoodie-Rechnung sein. Aber wir kommen wieder zur Voraussicht unserer Verbandsführung. Im Rahmen ihrer klugen Internationalisierungspolitik hat der DSB mit der FIDE längst eine „Lex Germany“ ausgehandelt. Die FIDE hat zugesagt, das deutsche Dress explizit in ihren Dresscode aufzunehmen. Vom DSB erwartet sie dafür Unterstützung beim nächsten Jeansgate.

Was aussieht wie die Büro-Vorgaben einer Versicherungsagentur, ist in Wirklichkeit der FIDE-Dresscode. Dem Vernehmen nach haben die die Dresses von Team Germany erfolgreich einen separates Genehmigungsverfahren durchlaufen.

Redaktioneller Hinweis: Teile dieser Glosse sind erfunden, andere überspitzt.

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joschi
joschi
4 Monate zuvor

Statt DFB sponsert Adidas nun DSB 😉