“Verräter”: Dvorkovich fällt in Ungnade

Die Reaktion des Kremls auf Arkady Dvorkovichs Gespräch mit dem US-Magazin „Mother Jones“ kam prompt, und sie war harsch. FIDE-Präsident Dvorkovich habe sich des „nationalen Verrats“ schuldig gemacht, sagte nach russischen Medienberichten Andrej Turchak (Wikipedia), Sekretär des Generalrats der Putin-Partei „Einiges Russland“. Turchak legte der von Dvorkovich geleiteten Skolkovo-Stiftung nahe, den Prozess der „Selbstreinigung der russischen Gesellschaft“ im eigenen Hause zu beginnen. Auch Putin-Sprecher Dmitri Peskov (Wikipedia) äußerte sich umgehend: Dvorkovich müsse nun entscheiden, ob er Vorsitzender der Stiftung bleiben wolle.

Diese Entscheidung hat Dvorkovich getroffen. Der 49-Jährige hat sein Amt als Stiftungsvorsitzender des russischen Silicon Valley niedergelegt.

„Während einige Bürger Russlands mit Waffen in der Hand für das Vaterland und das Volk Russlands kämpfen, haben sich andere im Wesentlichen auf die Seite des Feindes gestellt und handeln in dessen Interesse“, so Turchak als Reaktion auf den Mother-Jones-Text. Und weiter: „Das bedeutet, dass die Selbstreinigung unserer Gesellschaft unter anderem bei der Skolkovo-Stiftung beginnen muss, die von Dvorkovich geleitet wird. ‚Einiges Russland‘ steht für seine sofortige Entlassung in Schande.“

Werbung

Im Gespräch mit dem US-Magazin hatte sich Dvorkovich gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen. „Ich weiß, dass viele Verbindungen bereits abgebrochen sind. Und einige Freundschaften werden wahrscheinlich nicht wiederhergestellt. Aber ich träume davon, dass ukrainische und russische Schachspieler wieder gegeneinander und miteinander antreten“, hatte er unter anderem gesagt.

Arkady Dvorkovich während des WM-Matches Carlsen-Nepomniachtchi 2021. | Foto: Niki Riga/FIDE

Am Tag der US-Veröffentlichung hatte Dvorkovich versucht, die Wirkung des Artikels in Russland abzufedern, indem er als Skolkovo-Stiftungsvorsitzender eine über den Skolkovo-Pressedienst verbreitete, mit Versatzstücken aus der Putin-Rhetorik gespickte Erklärung abgab (siehe oben verlinkter Text), eine rhetorische Gratwanderung, die für russische Leser linientreu und für andere möglichst unverfänglich klingen sollte. Dieser mutmaßliche Versuch, nicht in Ungnade zu fallen und in Putin-Russland weiterhin an einflussreicher Position tätig zu sein, ist gescheitert.  

Die harschen Worte Turchaks stehen im Kontext einer Ansprache Vladimir Putins vom 16. März, in der es unter anderem hieß, der Westen versuche, Russland in ein „schwaches, abhängiges Land“ zu verwandeln und „zu zerstückeln“. In Putins nationalistischer Propaganda kam auch der von Tuchak sogleich auf Dvorkovich angewandte „Nationalverräter“ sowie die „Selbstreinigung“ vor.

https://twitter.com/just_whatever/status/1504144895501557762

Das russische Volk, so Putin, „wird immer in der Lage sein, Patrioten von Abschaum und Verrätern zu unterscheiden und sie einfach auszuspucken wie eine Fliege, die ihnen versehentlich in den Mund geflogen ist“. Eine solche „natürliche und notwendige Selbstreinigung der Gesellschaft“ werde das Land nur stärken.

Zur Demission ihres Vorsitzenden reihte die Skolkovo-Stiftung dessen Erfolge aneinander und teilte mit, Dvorkovich werde sich nun auf Bildungsprojekte fokussieren, auch auf solche im Umfeld des Innovationszentrums Skolkovo. Dvorkovich ging auf die Umstände seiner Amtsniederlegung nicht ein. Er sagte: „Skolkovo war schon immer an der Spitze der Innovation in Russland, und ich bin mir sicher, dass es heute alle Anstrengungen unternehmen wird, um eine eigene wettbewerbsfähige Wirtschaft in unserem Land aufzubauen und zum wichtigsten Technologiezentrum zu werden.“

https://twitter.com/GMSokolovIvan/status/1504750126614695954
3.6 11 votes
Article Rating
Werbung

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

8 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
Amontillado
Amontillado
6 Monate zuvor

Scheint, als hätten seine Versuche, es sich mit niemandem zu verderben, dazu geführt, dass er es sich mit allen verdorben hat. Die Russen schauen auf sein Interview im Westen und der Westen schaut auf sein Interview in Russland. Einfach jedem zu erzählen, was er hören will, funktioniert heutzutage nicht mehr so einfach – willkommen im Informationszeitalter.

Verena Meier
Verena Meier
6 Monate zuvor
Reply to  Amontillado

Mal sozusagen offtopic eine Kritik/Anregung – und zwar zur ‘Bewertungsfunktion’ der Beiträge. Es fängt schon damit an, dass man seine eigenen Beiträge bewerten kann, hinzu kommt, dass man nach einer gewissen (sooo genau, um diese genau zu bestimmen, interessiert mich das nun auch wieder nicht) Wartezeit ein und deselben Beitrag mehrfach bewerten kann. So muss man sich nicht wundern, dass z.B. dieser doch einigermaßen vernünftige Beitrag 8 negative Bewertungen erhält. Zumindest ein bißchen schwieriger sollte man es den Trollen schon machen. Und um nicht nur ‘gemeckert’ zu haben, auch eine positive Kritik. Schon wohltuend, dass es wenigstens eine deutsche ‘Schachseite’… Weiterlesen »

kumagoro
kumagoro
6 Monate zuvor

Man kann nur hoffen, dass früher oder später Putin erledigt ist.

Bisher waren in Russland alle zu Feinden erklärt worden, die gegen ihn sind. Nun muss man lautstark für ihn sein, um nicht “wie eine Mücke ausgespuckt” zu werden.

Russland wird bluten – die jungen, weltoffenen, gebildeten verlassen das Land. Das ist die russische Tragödie des 21.Jhts., und Putin wird als der Vater dieser Tragödie seinen Platz in der Geschichte bekommen. Soll er ewig in der Hölle schmoren!

N.W.
N.W.
6 Monate zuvor

https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-03/krieg-ukraine-russland-live-nachrichten#event_id=ekHDoad17PQz4DYx6o

Aktueller Artikel der Zeit über A.D. Damit dürfte er über alle Zweifel erhaben sein, was seine Unabhängigkeit gegenüber Putin betrifft. Die Frage ist, wie lange er sein Posten beim russenphilen Weltverband “behalten” darf.

Eumelgnub
Eumelgnub
6 Monate zuvor
Reply to  N.W.

Nunja, wäre er ein echter Putingegner, wäre er schon verhaftet worden. Degradierung heißt nur, nicht heftig genug gejubelt zu haben.

trackback

[…] ein autoritäres Regime von jemandem profitieren, den es öffentlich als Verräter an der Nation gebrandmarkt hat? Wäre es nach der harschen Kreml-Reaktion nicht gerade jetzt angemessen, ihn […]

trackback

[…] Werbung“Verräter”: Dvorkovich fällt in Ungnade […]