Handyalarm, Stumpfsinn und Remisgeplauder

Hätte Nigel Short in Cattolica (Italien) in der zweiten Runde des Vergani Cups nach seinem 27.Zug mit seinem Gegner Lorenzo Candian Remis vereinbaren sollen? Diese Frage stellte „The Big Greek“ Georgios Souleidis am Ende seines Analyse-Videos „Handy KLINGELT! Großmeister gewinnt?“ in den Raum.

Klingt zunächst mal komisch. Warum hätte der mit Elo 2633 ausgestattete 56-jährige englische Großmeister gegen einen um fast 700 Elo niedriger eingestuften 13-jährigen Einheimischen das tun sollen, wenn ihm doch stattdessen unmittelbar der Sieg zugesprochen wurde?

https://youtu.be/HzjCg2zzPhc

Was war passiert? Der junge Außenseiter Candian stand trotz zunächst missratener Eröffnung (glatter Minusbauer) gegen den großen Favoriten ziemlich überraschend schon ab dem 16. Zug im Prinzip auf Gewinn. Candian spielte gegen den WM-Herausforderer von 1993 die Partie seines Lebens – bis im 27. Zug sein Smartphone klingelte. Ausgeschaltet oder im Flugmodus war das Telefon zwar, trotzdem ging der Alarm los, und die Partie war futsch.

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„Wägän Rägäl“ würde Vlastmil Hort erklären: Man darf bei Turnieren in Italien zwar ein Smartphone mit sich führen (sofern es nicht am Körper ist), aber das darf eben keine Geräusche von sich geben; weder einen Alarm, noch ein Klingeln.

“Komm, lass uns remis machen”

Mit klingelnden Handys auf der anderen Seite des Brettes kennt sich der große Grieche aus. Ihm ist das zweimal passiert, zuerst in der Bundesliga, dann bei einem Open in einer Partie gegen Jewgeni Sweschnikow:

Beim ersten Mal hab‘ ich direkt gewonnen, beim zweiten Mal hab‘ ich gesagt: “Komm, lass uns Remis machen.” Es war so ein kleines Open mit 20 oder 30 Leuten, die Stellung war ausgeglichen. Sweschnikow lächelte und gab mir die Hand.“

Dass der in Griechenland lebende Nigel Short überhaupt am Turnier im Badeort Cattolica an der adriatischen Riviera teilnahm, kam überraschend. In den Wochen zuvor hatte er auf Twitter seine Covid-Erkrankung öffentlich gemacht. Mitte Dezember postete Short an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils ein aufwühlendes und besorgniserregendes Selfie aus dem Krankenhaus – mit Sauerstoffschläuchen in beiden Nasenlöchern.

Weshalb Nigel Short so kurz nach seiner Genesung überhaupt schon wieder bei einem Turnier mitspielte, begründete er nach der Veranstaltung: Bereits im vergangenen August habe er nach der Anfrage des Turnierdirektors Pier Luigi Basso seine Teilnahme zugesagt. Er wollte das Versprochene halten.

Die Partie, die mit einem Sieg des einstigen WM-Herausforderers endete, obwohl es auf dem Brett überhaupt nicht danach ausgesehen hatte.

In obigem Video äußert sich der Brite zu seiner Partie gegen Lorenzo Candian:

Das war echt sehr unglücklich für meinen Gegner. Ich habe ebenfalls schon mal eine Partie auf diese Weise verloren – bei der Europameisterschaft vor einigen Jahren. Danach traf ich die Entscheidung, zu Schachpartien kein Smartphone mehr mitzunehmen, selbst wenn es erlaubt wäre. Weil dann die Möglichkeit bestünde, dass ich vergesse, es auszuschalten.

Ob Nigel Short nach dem Handyalarm erwogen hat, Remis anzubieten, wie es seinerzeit Souleidis tat? Falls ja, ob sich dafür überhaupt die Gelegenheit geboten hätte? Wir wissen es nicht. Womöglich stand ja schon ein Schiedsrichter parat und hat die Partie sofort für beendet erklärt. Dass Shorts junger Gegner in seiner mutmaßlich ersten Partie gegen einen Spieler dieses Kalibers gar nicht erst den Versuch unternahm, in Gewinnstellung wenigstens eine Punkteteilung zu erbetteln, davon können wir auszugehen. 

“Genug des Stumpfsinns, remis”

Der junge Richard Teichmann, bevor er zu “Richard V.” wurde. | via Turnierbuch Hastings 1895

Wie sich, einen geneigten Turnierleiter vorausgesetzt, ein Remis gegen den Willen des Gegners erzwingen lässt, zeigt uns eine von Friedrich Sämisch öffentlich gemachte Anekdote zu einer seiner Partien gegen Richard Teichmann.

Gemäß Chessmetrics lag der 1868 geborene Teichmann (derselbe Jahrgang wie Emanuel Lasker) zu seiner besten Zeit im Jahr 1912 mit 2744 Elo auf Rang fünf der historischen (nachträglich berechneten) Weltrangliste. Außerdem war Teichmann mit allen Remis-Wassern gewaschen.

Wikipedia:

Häufig belegte er wegen seiner Vorliebe für friedliche Remisen nur den 5. Platz – den letzten Platz, für den es üblicherweise ein Preisgeld gab. Deshalb wurde ihm auch der Spitzname „Richard V.“ gegeben. Diese Gelder reichten gerade, um seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu finanzieren.“

Die Umstände in der zweiten Partie seines Matches gegen Friedrich Sämisch im Jahr 1922 waren freilich andere als in der oben beschriebenen Partie Candian-Short. Abgesehen davon, dass es vor hundert Jahren keine Mobiltelefone gab, hatte Richie Teichmann sich auch sonst keinen Regelverstoß zuschulden kommen lassen.

Aber einen Fehler. Nach 11…Sxc3? war seine Stellung miserabel, er stand sogar schon fünf Züge früher als Nigel Short im obigen Beispiel im höheren Sinn auf Verlust.

Warum Sämisch seinen zum Zeitpunkt dieser Partie 53-jährigen Gegner Richard Teichmann trotz des deutlichen Stellungsvorteils nicht besiegen konnte, schilderte der zum Partiezeitpunkt gerade halb so alte Berliner der Deutschen Schachrundschau Caissa rückblickend in der Ausgabe Januar 1952:

Der Altmeister (Teichmann) verteidigte das Damengambit orthodox und wählte die altertümliche und schwierige Spielweise nach 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 5. e3 Sbd7 6. Sf3 O-O 7. Tc1 b6 Aber bei dem weiteren Verlauf 8. cxd5 exd5 9. Ld3 Lb7 10. O-O Se4 11. Lxe7 muss er eingeschlafen sein und beging den ganz unverständlichen Fehler 11…Sxc3, worauf er durch 12.Lxh7+ einen Bauern einbüßte und Kh8 spielen musste.

In seinem Widersacher Teichmann sei danach „der alte Löwe“ erwacht, der ihm, Sämisch, im weiteren Verlauf größte Schwierigkeiten bereitet habe. Plötzlich habe sich eine Stellung ergeben, in welcher Sämisch entweder in eine Zugwiederholung, also ein Remis hätte einwilligen, oder ein Qualitätsopfer hätte bringen müssen.

Noch während Sämischs Brüten über diese Entscheidung sei Teichmann aufgestanden, habe mit den klassisch gewordenen Worten „Genug des Stumpfsinns, remis“ die Figuren zusammengeschoben und sei ohne den Protest von Sämisch abzuwarten davongelaufen.

Folgen wir weiter Sämischs Schilderung:

Ich lief verzweifelt zu Meister Lucien Einbild, der die Wettkampfleitung übernommen hatte, und lief Sturm dagegen, das ginge doch nicht, ich stehe auf Gewinn usw. Doch Meister Einbild verstand es, mich zu beruhigen. Er begann mit mir zu analysieren und betonte: “Wenn Teichmann sagt, es ist remis, dann wird es auch so sein”, und in der Tat, wir fanden keine Gewinnfortsetzung für mich.

“Wenn du ablehnst, fege ich dich vom Brett”

Dass man einem kampfwütigen Gegner auch auch auf Weltmeisterniveu erfolgreich ein Remis „reinsingen“ kann, berichtete Jan Timman im New in Chess Magazin 08/1988 anlässlich der Partie Boris Spasski Garri Kasparow vom GMA-World-Cup 1988 in Reykjavik:

Nach 19.Dh4 wiederholte Spasski sein Remisangebot. Er begleitete ein solches gerne mit ein wenig Geplauder. In Belfort (Anm. d. Autors: dort hatte 1988 ebenfalls ein World-Cup-Turnier stattgefunden) hatte er mindestens eine Minute damit verbracht, Kasparow davon zu überzeugen, dass es sinnlos sei, auf Sieg zu spielen; jetzt sagte er so etwas wie: „Ich gebe dir eine letzte Chance. Wenn du jetzt das Remis ablehnst, werde ich dich vom Brett fegen“. Kasparow nahm das Angebot klugerweise an. Und es stimmte, dass seine Stellung extrem zweifelhaft geworden war.“

(Titelofoto via ChessBase India/YouTube)

Gewinnen, notfalls schmutzig. Ob Nigel Short auch weiß, wie er notfalls ein schmutziges Remis machen kann?

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Kommentator
Kommentator
8 Monate zuvor

Die Darstellung im Artikel “Man darf bei Turnieren in Italien zwar ein Smartphone mit sich führen (sofern es nicht am Körper ist), aber das darf eben keine Geräusche von sich geben; weder einen Alarm, noch ein Klingeln.” ist, jedenfals in dieser allgemeinen Formulierung, falsch. In den Turnierbestimmungen heißt es: IX. Mobile phones and electronic devices are not allowed in the playing hall / Telefoni e dispositivi elettronici non sono ammessi in sala di gioco. Auf irgendwelche Geräusche kommt es demnach nicht an! Mit dem Klingeln wurde lediglich der Regelverstoß offenkundig, und die Partie war nach Art. 11.3.2.2 sofort verloren. Eine… Weiterlesen »

Martin Hahn
Martin Hahn
8 Monate zuvor
Reply to  Kommentator

Im unteren der beiden verlinkten Videos sagt die Reporterin (evtl. Tania Sachdev?), Turnierdirektor Basso habe ihr erzählt, bei italienischen Turnieren sei es erlaubt, „stumme“ Mobiltelefone in einer Tasche zu mitzuführen (siehe Minute 6.50). 

Turnierbestimmungen hatte ich aus diesem Grund nicht gewälzt.

„Eine beendete Partie kann nicht mehr Gegenstand einer Remisvereinbarung sein.“

Selbstverständlich korrekt. Hinderte Herrn Souleidis dennoch nicht daran, sich in seiner Partie darüber hinwegzusetzen. Und ich hab im Artikel seine Frage aufgegriffen. 

Chris
Chris
8 Monate zuvor
Reply to  Kommentator

Die Tunierleitung hat vor Tunierbeginn gesagt, man solle Smartphone ausgeschaltet mit sich führen da sie selbst nicht für eine sichere Verwahrung sorgen konnte (Schließfächer etc.)
Die Erlaubnis wurde also vorher erteilt.

Es gibt dann zwar noch dem Tipp, das Handy zuhause/im Hotel zu lassen, es ist aber verständlich wenn er dies nicht tut wenn er danach seine Vater anrufen muss damit er abgeholt wird. Klar geht das auch wenn man rumfragt, aber mit Handy ist es deutlich komfortable und eine absicht zu betrügen gab es nicht.