Elisabeth Pähtz‘ Auftaktsieg in Gibraltar: „Bin um 100 Jahre gealtert“

Unsere Freunde vom Schachbund haben es ausgerechnet: Elisabeth Pähtz hat noch eine kleine Chance, sich fürs Kandidatenturnier zu qualifizieren. Eine Bedingung dafür: Sie muss den Grand Prix auf Gibraltar gewinnen, der am gestrigen Samstag begonnen hat.

Für die Deutsche hat der Weltklasse-Wettbewerb ebenso aufregend wie gut begonnen. Quer übers Brett trieb die Rumänin Irina Bulmaga Pähtz‘ König. Aber letztlich fand ihr Monarch einen Unterschlupf, während Bulmaga zwei Figuren fehlten, die sie für die Kaskade von Schachgeboten ins Geschäft gesteckt hatte.

Nach ihrem Auftaktsieg stellte sich Elisabeth Pähtz FIDE-Reporter John Saunders zum Interview. Wir haben mitgeschrieben und das Gesprochene leicht redaktionell bearbeitet.

Die zweite Runde beginnt am heutigen Sonntag um 15 Uhr. Elisabeth Pähtz hat Weiß gegen die Kasachin Zhansaya Abdumalik (2472). Liveübertragung hier.

Elisabeth, wie lief es zum Auftakt?

Ich glaube, ich bin um 100 Jahre gealtert. In der Eröffnung hat sie mich überrascht. Ich wollte dann etwas spielen, auf das sie gewiss nicht vorbereitet war. Und ich glaube auch, dass ich ganz gut aus der Eröffnung gekommen bin – bis zu 13…Sb6. Das war zu optimistisch. Dass sie 14.Lxf6 nebst 15.h4 spielen kann, hatte ich übersehen. Danach war die Partie für sie viel leichter zu spielen.

13…Sb6: zu optimistisch.

Kann gut sein, dass ich im Lauf der Partie an der einen oder anderen Stelle hätte mattgesetzt werden können, aber ich habe nie konkret gesehen, wie das gehen soll. Im 37. Zug hatte ich die Wahl zwischen …Kd8 und …Kd6. Ich hatte gesehen, dass ich nach 37…Kd6 das für Weiß verlockende 38.Sd2 mit 38…Dc1 kontern kann, also habe ich mich für Kd6 entschieden.

Die entscheidende Partiephase: Klick auf den Play-Button startet das Video.

Hattest du alles berechnet?

Ich habe gesehen, dass sie ein Schach hat und dann den Läufer auf d5 opfern muss, um weiterzukommen. Auch dass ich danach mit dem König noch den Springer auf e4 nehmen muss, habe ich gesehen. Aber ich war mir sicher, dass mein König sich irgendwie vor all den Schachgeboten wird retten können.

Wie war die Anreise? Irgendwelche Probleme?

Als EU-Bürgerin ist es leichter herzukommen als für Spielerinnen von außerhalb der EU. Außerdem war ich während der Pandemie zwei- oder dreimal in Spanien gewesen, ich wusste, was mich erwartet. Sorge hatte ich eher für die Kolleginnen, deren Anreise nicht so einfach sein würde. Ich bin hier zeitig angereist, um mich an die Sonne zu gewöhnen. Am Strand war ich schon, und gleich am ersten Tag habe ich einen langen Spaziergang unternommen und bin den Affen begegnet. Dieser Ablauf hat mir emotionale Stabilität gegeben. Vor der heutigen Partie war ich ganz entspannt.

Was haben die Monate des Lockdowns mit dir gemacht?

Ich habe den Beruf gewechselt, bin Trainerin geworden. Mein Einkommen hatte ich bis dahin hauptsächlich bestritten, indem ich Turniere spielte. Und plötzlich gab es keine Turniere mehr. Anfangs habe ich Anna Muzychuk überzeugt, gemeinsam ein wenig Youtube und Twitch zu machen. Daraus haben sich Webinare entwickelt. Und das wiederum bedeutete, dass ich einen Großteil der Pandemiezeit online mit Anna verbracht habe, ich habe sie sogar in der Ukraine besucht. Die Nähe zu Anna war für mich ein erfreulicher Aspekt der Pandemie, wir hatten fast jeden Tag Kontakt. Das hat mich auch schachlich-emotional am Leben gehalten: Es gab Schach, und ich hatte Freunde um mich.

Und jetzt sitzt du wieder am Brett aus Holz. Wie fühlt sich das an?

Ich habe ja gerade ein Turnier gespielt, die Kaderchallenge. Kein leichtes Turnier für mich, aber es könnte mir helfen, mit dem Druck hier umzugehen. In Magdeburg war ich an eins gesetzt, habe aber nicht gewonnen, stattdessen die junge, talentierte Jana Schneider. Mich freut es zu sehen, wie unsere Talente wachsen. Andererseits bin ich auch ein wenig enttäuscht, ich hätte das Turnier ja gerne gewonnen. Bestimmt wäre es hilfreich, mit einem sportlichen Erfolg im Rücken in diesen ersten internationalen Wettbewerb nach langer Pause zu gehen. Aber ein wenig Praxis vorab war allemal eine gute Sache.

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