Wie mir Nigel Short und Peter Heine Nielsen erklärten, warum Wladimir Kramnik aufgegeben hat

Animiert von einem Tweet, beschäftigte sich Nigel Short kürzlich mit dem Ende seiner Partie gegen Wladimir Kramnik vom Max-Euwe-Memorial 1993 in Amsterdam. Kramnik hatte diese Partie verfrüht aufgegeben. Nur verfrüht oder gar zu unrecht, weil er gar nicht auf Verlust stand? In der Zeitschrift New in Chess hatte Short damals geschrieben, die Stellung sei bei beiderseits bestem Spiel wahrscheinlich für ihn gewonnen. 28 Jahre danach und viele Computergenerationen später revidiert der Vizeweltmeister von 1993 seine Einschätzung: „Die Schlussstellung scheint Remis zu sein“.   

Beim Frühjahrsputz war mir eine schon leicht vergilbte Ausgabe der Zeitschrift SCHACH mit einem Artikel von Wladimir Kramnik über das Max-Euwe-Memorial in Amsterdam im Jahr 1993 in die Hände gefallen (Heft 07/1993). Kramnik war damals erst 17 Jahre alt. Ausführliche Turnierberichte wie diesen gab es vom späteren Weltmeister Kramnik danach eher selten, zumindest nicht in meinem bevorzugten Schachmagazin. Ich freute mich also, dass ich einen „wichtigen“ Anlass gefunden hatte, die Putztätigkeit zu unterbrechen und begann zu lesen. 

Im Bericht enthalten war unter anderem die Notation einer Partie von Nigel Short gegen Kramnik. Das Zeitschriftenexemplar hatte ich schon Jahre nicht mehr in der Hand, trotzdem erinnerte ich mich gleich wieder daran, was an dieser Partie das Besondere war: Kramnik hatte direkt nach der Zeitkontrolle verfrüht aufgegeben. Ich vertiefte mich in seine Erläuterungen zu dieser Partie.  


(Kommentare entnommen der Mega Database 2021. Klick auf einen Zug öffnet das Diagramm zum Nachspielen.)


Die Schluss-Stellung nach 41.Txd5:

„Ich konnte bisher keinen Weg entdecken, wie Schwarz die Stellung hätte halten können. Trotzdem war es keinesfalls notwendig, nach 41.Txd5! sofort aufzugeben. So etwas ist mir in meiner gesamten Laufbahn noch nicht passiert!“, schrieb Kramnik und ergänzte, er sei dabei noch unter dem Eindruck der gerade beendeten Zeitnotphase gestanden, „eine andere Erklärung für meinen Blackout habe ich nicht parat“.

Nach Kramniks Ausführung folgt ein separater Artikelhinweis von SCHACH-Redakteur GM Raj Tischbierek mit der Überschrift „Short-Kramnik / War die Schlussstellung remis?“ Gemeinsam mit GM Stefan Kindermann versucht Tischbierek darin zu ergründen, wie die Partie hätte weitergehen können, wenn Kramnik nicht so schnell das Handtuch geworfen hätte.

Nach der Zugfolge 41… exd5 42.b6 Tc8 43.b7 Tb8 44. Kb5 Txb7+ 45. Sxb7 Ke6 46. Kb4 Kxe5 47. Kc3 lautet Kindermanns Resümee: „Die Stellung ist sehr kompliziert und eine genaue Analyse würde den hier gesetzten Rahmen sprengen. Schwarz baut seine Königsflügelbauern am besten auf f4, g4 und h5 auf. Seine Remischancen sollten ca. 50 Prozent betragen.“

50 Prozent Remischancen? Das wollte ich genauer wissen. Auf einem Schachbrett baute ich die Schlussstellung der Analyse von Tischbierek und Kindermann auf und tüftelte ein bisschen herum. Natürlich kam ich zu keinem Ergebnis. Wie auch, waren doch damals selbst die beiden Großmeister daran gescheitert.

Für das Abfragen einer Endspieldatenbank, die sofort hätte anzeigen können, ob die Stellung remis ist oder für Weiß gewonnen, waren in der Analyse-Schlusstellung zwei überzählige Klötze auf dem Brett – Endspieldatenbanken funktionieren erst ab sieben Steinen oder weniger.  

‚Wäre doch gelacht, wenn mir Stockfish 28 Jahre später nicht sagen könnte, ob sie als für Weiß gewonnen oder Remis einzuschätzen ist, dachte ich mir. „Sag mir die Wahrheit über diese Stellung“, beschwor ich die Maschine, ließ sie rechnen und putzte wieder das Frühjahr.

Als ich eine halbe Stunde später auf die Stellungsbewertung schaute, hatte diese sich in einem Bereich zwischen +3 und +4 Bauerneinheiten aus weißer Sicht eingependelt. Leute, die viel mit Schachprogrammen analysieren, wissen Bescheid – was im Mittelspiel einen satten Gewinnvorteil für Weiß bedeutet, muss in einer Endspielstellung mit reduziertem Gewinnpotential gar nichts heißen. Für einige Züge folgte ich der von Stockfish angegebenen Hauptvariante, wurde daraus aber auch nicht schlauer, wusste immer noch nicht, wie es bei beiderseits besten Zügen ausgegangen wäre. Ich hatte Mitleid mit der Maschine und stoppte ihren Berchnungsvorgang. 

„Wirf den Rechner an“

Das Rätsel um die Einschätzung der Schlussposition ließ mich nicht los. Auf einer Internetseite, die sich mit dieser Partie beschäftigte, hatte ein Leser einen interessanten Kommentar hinterlassen. Als Live-Kommentator beim Norway Chess-Turnier habe Short 2014 über die Partie gesprochen. Er sagte, er erinnere sich nicht mehr, weshalb Kramnik aufgegeben habe, habe sich aber am Tag nach der Partie nochmals mit Kramnik darüber unterhalten. Kramnik habe ihm gesagt, dass die Stellung total verloren war und habe ihm dazu auf dem Brett auch eine Variante gezeigt. Kurioserweise habe sich herausgestellt, dass diese Variante für Weiß gar nicht gewinnt, obwohl die beiden eine halbe Stunde daran analysierten.

Immer noch war ich nicht schlauer, sondern jetzt sogar noch um eine weitere Frage reicher: welche falsch eingeschätzte Variante hatte Kramnik zum Aufgeben veranlasst? Am Abend setzte ich eine Twitternachricht ab, in der ich die beiden damals Beteiligten (und den Rest der Welt) nach des Rätsels Lösung fragte.

Tatsächlich hat sich Nigel Short noch am selben Abend gemeldet:

„Wirf den Rechner an. Die Stellung scheint Remis zu sein.“

Seine Antwort präzisierte Short anderntags:

„Ich habe meine damalige Analyse für New in Chess kurz mit dem Computer geprüft. Längere Varianten beinhalten fast immer auch Fehler, überraschenderweise war meine alte Analyse trotzdem gar nicht mal so schlecht. Ein paar Details hab ich aber übersehen und meine Schlussfolgerung, dass Weiß wahrscheinlich gewinnt, scheint falsch zu sein. Trotzdem denke ich, dass Weiß in der Praxis gute Gewinnchancen hat.“ 

Die ersten meiner beiden Fragen war also mit „Remis“ beantwortet.

Einen Tag später hat sich ein weiterer Leser der Twitternachricht gemeldet: „Kramnik hat beim Aufgeben 41…exd5 42. b6 Tc8 43. b7. Tb8 44. Kb5 Td8!! nicht gesehen. Die Idee dahinter ist 45. Kb6 d4 46. Kc7?? d3 47. Sxd3 Txd3 48. b8=D Tc3+“.   

Verfasser dieser Antwort war Peter Heine Nielsen. Die von ihm angegebene Feinheit 44…Td8! macht es gar nicht notwendig, dass Schwarz den Turm für den weißen Bauern opfert, diese Variante ist also im Remissinne aus Schwarzer Sicht noch „klarer“ als die Zugfolge, die Raj Tischbierek und Stefan Kindermann einst betrachtet hatten. Und ich wusste nun, ich hätte bei der Computeranalyse mit der Schlussstellung der Partie beginnen sollen, anstatt mit der Variante von Tischbierek und Kindermann.  

Innerhalb von einem Tag wurden alle meine Fragen höchst kompetent beantwortet – vom Vizeweltmeister 1993 und vom Chefsekundanten des aktuellen Weltmeisters. Schon wieder musste ich mir eine eine neue Ausrede für das Aufschieben des Frühjahrsputzes ausdenken.

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