Geldscheine im Pass deponiert: Wie Vlastimil Hort nach Deutschland flüchtete

200 Dollar Bestechungsgeld haben dem tschechoslowakischen Emigranten Vlastimil Hort 1985 die Reise nach Deutschland gesichert. Im „Perpetual Chess Podcast” hat der einstige WM-Kandidat jetzt die Geschichte seiner Emigration erzählt – und einige Geschichten mehr. Die Episode ist wegen Horts nicht ganz leicht zu verstehenden Englischs auch in Schriftform verfügbar.

Mit dem Gedanken, aus dem Ostblock zu flüchten, spielte Vlastimil Hort lange, spätestens seit dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968. Hort setzte diesen Gedanken anfangs nicht in die Tat um. Er hoffte, sein heranwachsender Sohn würde ihn begleiten. Bis zu dessen Volljährigkeit blieb Hort Bürger der Tschechoslowakei, gebunden an die Organisation „Prago-Sport“, die über die Auftritte tschechoslowakischer Sportler im Westen Devisen einnahm. „Wir mussten unser Geld den Kommunisten geben”, sagt Hort.

Abschlusstabelle des Interzonenturniers 1985 | Screenshot via Wikipedia

Das Interzonenturnier in Tunis 1985 sollte Horts letztes als Bürger der CSSR werden. Nach der finalen Partie erklärte Hort seinem Sekundanten, er brauche nun ein wenig Zeit für sich, und verließ das Hotel – in Richtung Flughafen. Dort löste er ein Ticket für einen Lufthansa-Flug nach Deutschland. In seinem Pass deponierte er 200 Dollar Bestechungsgeld, “damit sie mich durchwinken“.

Dass diese Bestechung funktioniert, war alles andere als sicher. „Sie hätten mich auch stoppen und fragen können, warum ich nach Deutschland fliege anstatt in meine Heimat.“ Stattdessen nahm der Kontrolleur das Geld im Pass und signalisierte Hort weiterzugehen: „Bitte der Linie folgen.“

Bei der Schacholympiade 1988 in Thessaloniki spielte Vlastimil Hort erstmals für die deutsche Nationalmannschaft. | Foto via Wikipedia

Im Flughafen in Deutschland traf Hort den schon 1972 aus der UdSSR emigrierten Großmeister Gennadi Sosonko, der ebenfalls am Interzonenturnier teilgenommen hatte. „Wir haben erstmal eine Flasche Champagner aufgemacht.“ Dann rief Hort seine Mutter in der Tschechoslowakei an: „Mayday, mayday“ – der verabredete Code, der ihr signalisierte, ihr Sohn ist heil in Deutschland angekommen.

Allein, Horts vertragliche Bindung an Prago-Sport ließ sich nicht einfach so auflösen. 60.000 Mark habe der Kölner Schachmäzen Wilfried Hilgert bezahlt, um diese Verbindung zu kappen.

Das Erscheinen seiner Schachgeschichten in englischer Sprache war ein Anlass für Podcast-Gastgeber Ben Johnson, Hort einzuladen. Im Laufe ihres Gesprächs verriet der 77-Jährige, dass er gemeinsam mit seiner Frau an einem zweiten Band arbeitet.

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