Vincent Keymer und die N-Fragen

Welches Gewicht Vincent Keymers Wort im deutschen Schach längst hat, zeigte sich im Lauf der Leistungssportaffäre. Vom Kaltstellen eines Nationalspielers über das Entmachten des Leistungssportreferenten, das Rausekeln des Frauentrainers bis zum unbeantworteten Ultimatum der Kaderspieler ließ die DSB-Spitze die Angelegenheit über Monate stur eskalieren. Dann stand Keymers Name unter dem offenen Brief der Kaderspieler, und mit einem Mal hieß es: „Neuanfang.“

Vor einem solchen steht die deutsche Nationalmannschaft, die zuletzt Ende 2019 bei der Europameisterschaft am Brett gesehen wurde. Voraussichtlich am 11. November 2021 beginnt in Georgien die nächste Europameisterschaft. Vincent Keymer hat jetzt gegenüber der Deutschen Welle gesagt, dass er gerne Teil der deutschen Mannschaft wäre: „Ich würde mich freuen“, sagte Keymer. Auch diese Worte zu den N-Fragen, Neuanfang und Nationalmannschaft, werden bei der sportlichen Leitung nicht überhört worden sein.

Ansprüche stellt der 16-Jährige nicht. „Man hat ja nur wenig Einfluss darauf, wann man nominiert wird und wann nicht. Wann ich jetzt genau anfange, Nationalmannschaft zu spielen, ist nicht so wichtig.“ Keymer darf freilich davon ausgehen, dass kaum jemand bestreitet, dass er längst dazugehört.

Vincent Keymer und Daniel Fridman. | Foto: John Saunders/Isle of Man Chess

Es bedarf keines Experten, um zu sehen, dass sich sportlich die ersten vier Bretter der Nationalmannschaft fast von alleine besetzen, nur die Reihenfolge wäre zu klären. Blübaum, Donchenko, Keymer, Nisipeanu (alphabetische Reihenfolge) sollten gesetzt sein, ein Bullenvierer!

Bei der Besetzung des fünften Brettes käme es zu Härtefällen. Womöglich würden Europameister Georg Meier (33) sowie der 2018 bei der Schacholympiade überragende Daniel Fridman (45) herausfallen, und Rasmus Svane (23) bekäme mit dem Argument „Potenzial“ den Zuschlag. Andererseits ist auch „Erfahrung“ ein Argument.

Es gäbe noch ein Argument, das bei ähnlicher Spielstärke den Ausschlag geben könnte: die mediale Sichtbarkeit der Spieler und die Identifikation des Publikums mit ihnen. Stellen wir uns vor, jemand käme auf die Idee, im Sinne unseres Spiels mit solchen Faktoren zu arbeiten („Marketing“ steht seit 18 Jahren im DSB-Leitbild). Stellen wir uns vor, die Nationalmannschaft würde statt vom Mäzen UKA von einem Sponsor unterstützt, der mediale Aufmerksamkeit einfordert: Niclas Huschenbeth wäre noch näher am Kader, als er es ohnehin verdient. Ihn kennen die Leute aus Funk, Fernsehen und Sozialen Medien, die Schar seiner mehr als 80.000 Youtube-Abonnenten würde auch der Nationalmannschaft engagiert folgen. Von den medial unsichtbaren Nisipeanu oder Blübaum haben diese 80.000 noch nie gehört.

Niclas Huschenbeth (r.) im Dress des FC Bayern bei der Schachbundesliga-Meisterschaftsrunde gegen MVL. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Eigentlich sollte ja die Elozahl das Hauptargument sein. Die USA etwa brauchen für die Aufstellung seit Jahren weder einen Sportdirektor noch einen Bundestrainer, sie stellen konsequent nach Elo auf. Ob sich diese Tradition auch nach einem Jahr des schachlichen Stillstands fortsetzen lässt?

Und was würde Jeffery Xiong davon halten? Angenommen, Levon Aronian wechselt tatsächlich zum US-Verband, der 20-jährige Xiong mit seinen stattlichen 2709 Elopunkten wäre nur noch die nationale Nummer sechs – und nicht mehr Teil der US-Nationalmannschaft. Er müsste hoffen, dass der Schach-Influencer Hikaru Nakamura (Elo 2736) auch während einer Mannschafts-WM oder Schacholympiade lieber vor dem Bildschirm sitzt als am Brett.

Gerade die Youngster haben zuletzt nominell gelitten, sie konnten mangels Gelegenheit steigende Spielstärke kaum in Elozuwachs umsetzen. Auch am Beispiel Keymers lässt sich das aufzeigen. Seine Auftritte in Biel und in der Bundesliga legen nahe, dass der angehende Abiturient längst mindestens ein 2650-Großmeister ist.

Wer die deutsche Elo-Rangliste anschaut, findet ihn mit 2591 auf Rang 13. Ein Rang über Keymer steht Dmitrij Kollars (21). Dessen Sieg in Bremen beim Claus-Dieter-Meyer-Gedenkturnier suggeriert, dass er längst ein veritabler 2600er wäre, vielleicht sogar ein Nationalmannschaftskandidat, gäbe es Wettkämpfe, in denen er das demonstrieren könnte.

9/11, 6. Platz: Kollars glänzt beim Titled Tuesday. Klassische Wettkämpfe gibt es seit einem Jahr kaum, stattdessen jede Menge Online-Blitz. Dem einen (Svane) liegt das mehr, dem anderen (Donchenko) weniger. Inwieweit das schnelle Bildschirmspiel der Turnierspielstärke hilft, muss sich noch erweisen. Rasmus und Frederik Svane haben unlängst im Gespräch mit dieser Seite geraten, Online-Blitz als Trainingstool nicht zu unterschätzen.

Neben der nach dem Neuanfang und der nach Nationalmannschaft ist die nach Arkadij Naiditsch die dritte N-Frage im deutschen Schach. Und sie hängt mit den ersten beiden zusammen.

Vor ein paar Tagen erst hat Naiditsch zur Nationalmanschafts- und zur Naiditsch-Frage erklärt, der Elo sei das objektivste Kriterium, Spieler zu bewerten. Den Aspekt der pandemiebedingt unterbewerteten Youngster erwähnte Naiditsch nicht. Ihm ging es darum zu zeigen, dass er keine Ansprüche stellt, im Prinzip für die Nationalmannschaft zur Verfügung stünde, sich aber auch hinten anstellen würde.

Sollte sich das Kuriosum um den Deutschen, der nicht zum deutschen Verband wechseln darf, noch auflösen, sollte das ohne eine „Aber in der Nationalmannschaft wollen wir dich nicht“-Klausel vonstatten gehen, die sportliche Debatte ums fünfte Brett würde entfallen. Aus dem Bullenvierer würde ein Bullenfünfer.

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