Schachgeschichten

Wie begeistern wir andere Menschen für Schach? Befreien wir uns aus der Sprachlosigkeit und berichten wir anderen, wie spannend Schach sein kann, erzählen wir ihnen Geschichten. Die „Perlen vom Bodensee“ haben unlängst deutlich gemacht, dass das Schreiben kein Hexen-, sondern Handwerk ist.

Naturwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker und Schachspieler lassen oft wenig Emotionen in ihre Erklärungen und Berichte einfließen. Das Storytelling fällt ihnen schwer, wovon ich mich nicht ausnehme.

Wer sich umschaut, findet gute Beispiele und Ideen. Kurt Richter erfand seinen fiktiven Schachfreund Dr. Zabel, Albin Pötzsch glossierte die Taktikaufgaben in der Zeitschrift „Schach“, Emil Ramin machte Schachstudien zum Vergnügen, Helmut Pfleger erzählt Anekdoten und formuliert dazu eine Schachaufgabe in der Wochenzeitung „Zeit“. Die legendären  Sportreporter Rolf Töpperwien und Gert “Zimmi” Zimmermann lieferten mitreißende Fußballreportagen, bei denen der Radiohörer das Gefühl hatte, er säße selbst auf der Tribüne im Fußballstadion.

Anregungen gibt es zuhauf im Netz. Andere Sprachen stellen keine unüberwindbaren Hindernisse dar. Die Browsererweiterung „Google Übersetzer“ zeigt in Sekundenschnelle die deutsche Übersetzung an. So kann man sich in die Weiten des Internets hinaustragen und sich inspirieren lassen, egal wie gut man eine Fremdsprache beherrscht.

Frank Bickers Geschichten-Schachbrett, das sich auf seiner Seite zu einem interaktiven wandelt.

Das interaktive Corona-Schachbrett auf meiner Website bringt viele interessante Geschichten ans Licht. Die reichweitenstarke BILD-Zeitung kam im November 2020 nicht umhin und berichtete über den Hit eines jahrhundertealten Brettspiels „Netflix und Corona sind schuld – Schach ist plötzlich mega cool!

Schach: ein Werkzeug, die Welt zu verbessern

Mitten in der Pandemie fand am 20. Juli 2020 der erste Weltschachtag statt. Angesichts der COVID-19-Pandemie, die zu einer Pause für die meisten Sportarten weltweit geführt hat, feiert die UN ein wettkampforientiertes Spiel, das sicher drinnen und auch online gespielt werden kann – mit dem Zusatzeffekt, Ängste zu reduzieren und die psychische Gesundheit zu verbessern. Die UN-Kommunikationschefin Melissa Fleming stellt fest, dass die Pandemie eine physische, soziale und ökonomische Krise darstellt – die jedem Menschen Einschränkungen auferlegt und dass jene Sportarten wichtiger denn je sind, die online oder in sicherer physischer Entfernung gespielt werden können.

„Der Sport fördert unseren lebenslangen Spieltrieb… fördert unsere Leidenschaft und Begeisterung… erfrischt unseren Geist und Körper… lenkt uns von Problemen ab und reduziert unsere Ängste“, sagte Fleming.  Arkady Dvorkovich, Präsident des Internationalen Schachverbandes (FIDE) möchte Schach „zu einem Werkzeug zur Verbesserung der Welt“ machen. Das ist eine wunderbare Steilvorlage für alle Schachenthusiasten und Schachfunktionäre. Welche Ideen und Projekte werden dieses Jahr der Renner sein?

Arkady Dvorkovich will mit Schach die Welt verbessern. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Mein Favorit ist die Geschichte von Daniel Sokol, einem britischen Rechtsanwalt und Medizinethiker, der in seiner Freizeit hin und wieder Schach spielt. Er sinniert über das Schachspiel, als sein Flugzeug in heftigeTurbulenzen geriet. Seine Tochter war so sehr mit Schach auf dem iPad beschäftigt, dass sie von all der Aufregung nichts mitbekam. Schach hilft tatsächlich gegen die Angst! Und dann bekommt der Leser eine neue Analogie von Schach und der Lebenswirklichkeit präsentiert, die einem auch etwas milder auf politische Entscheidungen schauen lässt. Wer die ganze Geschichte lesen möchte – hier ist der Link.

Corona verändert die Welt und Schach bewirkt Wunder. Über so ein Wunder berichtete die Jerusalem Post. Neben dem Fakt, dass weltweit das Online-Schach erheblich gewachsen ist, wird  über die Integrationskraft von Schach geschrieben. Israelische Schachspieler trafen in einem Online-Turnier auf arabische Schachspieler – und es wurde gespielt. Eigentlich hätte man einen Boykott durch die arabischen Spieler erwartet.

In dem auch heute noch sehenswerten Film  „Der gezähmte Widerspenstige“ spielt Adriano Celentano mit seinem Hund Schach. War das die Vorlage für Arnold Schwarzenegger, der letztes Jahr in den sozialen Medien postete, wie er mit seinem Esel Schach spielt? Arnold Schwarzenegger wollte die Menschen ermutigen, Abstand zu Freunden und Bekannten zu halten, um so der Corona-Pandemie Einhalt zu gebieten. Schau es Dir selbst an!

Viswanathan Anand überrascht mit der These “Der Kampf gegen das Coronavirus ist wie das Spielen gegen einen Computer“. Weder der Computer noch der Virus kennen Emotionen. Deshalb muss man immer auf der Hut sein und darf sich trotz eines vermeintlichen Vorteils nicht schon als Sieger wähnen.

Die russische Zeitung Nowaja Gazeta bringt die Vorzüge des Schachs auf den Punkt, indem sie folgendes Resümee zieht: „Es gibt keinen Sport. Der Sport schrumpft vor unseren Augen und verschwindet aus den Zeitungsspalten und aus dem Fernsehen.“ Eine Million Menschen verfolgen live im Internet das Kandidatenturnier. Schach ist eine Möglichkeit, sich vom Horror der sozialen Medien abzulenken. Die Zeitung stellt die Schachspieler des Kandidatenturniers auf humorvolle Weise vor. Überzeugt Euch selbst – hier geht es zu dem Zeitungsartikel.

Der französische Psychologe Alfred Binet wusste: „Wenn wir in den Kopf eines Schachspielers schauen könnten, würden wir eine ganze Welt aus Gefühlen, Bildern, Emotionen und Leidenschaften sehen.“ Die Schachfotografen David Llada (Marketingchef der FIDE) und Wolfgang Galow (“Hoffotograf” der Schachabteilung des FC Bayern) fangen mit ihrer Kamera die Gefühle der Schachspieler ein.  Ihre Fotos erzählen uns Geschichten.

Medien- und Werbeprofis wissen, dass die Menschen Geschichten mögen, weil Geschichten die Menschen anrühren und Emotionen bewirken. Es liegt an uns, die vielen liebenswerten Geschichten rund ums Schach zu entdecken und sie anderen zu erzählen.

Wolfgang Galow setzt auch, aber nicht nur die Schachspieler des FC Bayern in Szene.

Autor Frank Bicker war von 2016 bis 2018 Präsident des Schachverbandes Sachsen. Er betreibt die wunderbare Website www.chess-science.com, auf der dieser Beitrag am 10. Februar erstmals erschienen ist.

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