Sargnägel, Rammböcke, Durchbrüche – Michael Prusikin übers Angreifen

Ein allgemeingültiges Schema fürs Angreifen gibt es beim Schach nicht. Dem Angreifer stehen eine Reihe von Rezepten zur Verfügung, und jedes dieser Rezepte bedarf bestimmter Voraussetzungen, um erfolgreich angewendet zu werden. „Meines Wissens hatte das nie jemand systematisiert“, sagt Michael Prusikin.

Diese Lücke füllt der Großmeister nun mit seinem Buch „Feuer frei!„, das die Rezepte fürs erfolgreiche Attackieren erklärt und aufzeigt, wann sie greifen: Wo schlagen wir den Sargnagel ein? Wo brechen wir durch? Was ist eine Absperrung, was ein Hemmungsopfer, und wie setzen wir die ein?

Im ersten Teil unseres Gesprächs kam der Schachtrainer Michael Prusikin zu Wort. Heute, im zweiten, spricht der Fachmann fürs Angreifen.

Michael Prusikin im Sparta-Shirt. | Foto: Klaus Steffan

Michael, neulich habe ich meine alten Partien durchgeklickt und kaum eine gefunden, in der ich auch nur in die Nähe des gegnerischen Königs gekommen bin. Ich habe stets mehr Angst zu verlieren als Lust zu gewinnen. Fehlt mir ein Stück Ausbildung, oder gibt es vielleicht Leute, die einfach keine Angreifer sind?

Ein großer Freund der Psychologisierung des Schachs bin ich nicht. Aber natürlich gibt es unter Schachspielern verschiedene Charaktere. Eher vorsichtig zu sein, ist nichts Verkehrtes. Das muss man auch nicht zwingend umstellen, ein gewisses Maß an Präferenzen ist in Ordnung. Aber es gibt eben Stellungen, die haben nur eine Lösung, Stellungen, in denen man angreifen muss. Und solche Stellungen lassen sich nicht vollständig vermeiden, sonst müsstest du große Zugeständnisse machen.

Gute Schachspieler müssen Allrounder sein, unabhängig von der Präferenz.

Genau. Man muss ja das Angreifen nicht lieben, aber man sollte es können, weil es manchmal notwendig ist. Wie alles andere auch.

Für mich ist es zu spät, ein guter Spieler zu werden. Ich möchte nur noch ein bisschen Spaß haben – und würde deswegen gerne offensiver spielen. Was soll ich tun?

Partien von Angriffsspielern anschauen. Paul Morphy zum Beispiel. In diesen alten Partien ist zwar vieles aus heutiger Sicht naiv, aber es sind erfrischende Angriffspartien. Oder, 100 Jahre später, Partien von Mikhail Tal. Oder, noch später, Partien von Daniil Dubov, von dem ich ein Riesenfan bin. Dubov produziert am laufenden Band Wahnsinnspartien. Partien solcher Spieler anzuschauen macht Lust, selbst so zu spielen.

Mikhail Tal 1978. | Foto: Tass

Einer meiner Vorsätze für 2021 war, keine Donchenko-Turnierpartie zu verpassen.

Sehr guter Spieler, aber anderer Spielertyp. Zum Angreifer wird er dich nicht machen.

Also Tal. Von dem heißt es, er sei auch ein exzellenter Techniker und Endspielkönner gewesen.

Ja, in späteren Jahren. Tal hat in den 70ern viel mit Anatoli Karpov zusammengearbeitet, die beiden haben einander befruchtet, Tals Schach wurde variabler. Das führte unter anderem dazu, dass Tal Ende der 1970er-Jahre seine höchste Elo erreichte, fast 20 Jahre, nachdem er Weltmeister gewesen war. 1979 gewann Tal zusammen mit Karpov das Turnier in Montreal, danach war er das erste und einzige Mal über 2700.

Empfiehl mir Angriffsspieler, die ich nicht kenne.

Raschid Neschmetdinow ist wahrscheinlich kein Geheimtipp mehr? Dann nehmen wir Janis Klovans

Janis Klovans (1935-2010). | Foto: Georgios Souleidis

SG Enger/Spenge! Alligator-Cup! Klovans kenne ich natürlich, mit ihm habe ich sogar gelegentlich in einem Auto gesessen.

Kennst du auch seine Partien? Über Klovans, einen Landsmann von Tal, schreibe ich gerade eine Kolumne für die Zeitschrift Schach. Bei der Gelegenheit habe ich festgestellt, dass Klovans eine ausgeglichene Bilanz gegen Tal hatte: 5,5/11. Sogar gegen Karpov hatte er 1,5/3.

Oh? Ich habe ihn zwischen 2450 und 2500 in Erinnerung.

Klovans war ein sehr starker Spieler. Und ein fantasievoller Angreifer. Darum habe ich ihn für meine Kolumne herausgepickt …

… die du von Albin Pötzsch übernommen hast.

Das ist schon mehr als zwei Jahre her. Schach-Chefredakteur Raj Tischbierek hat mir dankenswerterweise freie Hand gegeben, wie ich sie gestalten will.

Und?

Ich möchte Taktik in allen Aspekten zeigen. Es gibt immer eine Angriffspartie, eine Eröffnungsfalle und eine Studie, dazu eine Reihe von Kombinationen. Viele Kolumnen widme ich einem Spieler. Oft versuche ich, das Publikum mit weniger bekannten Namen vertraut zu machen. Wie jetzt Klovans. Oder Planinc.

Wer?

Albin Planinc, ein Großmeister aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Anfang der 70er-Jahre ein kurzes Hoch hatte. Damals war er erweiterte Weltspitze, hat ein paar Top-Turniere gewonnen, ist aber recht schnell in einer Versenkung verschwunden. Planinc hat spannende Angriffspartien gespielt.

Ist eigentlich der Großmeister Prusikin ein Angreifer?

Ich kann alles einigermaßen gleich gut, eher ein Allrounder. Aber ich greife gerne an, wenn sich die Gelegenheit ergibt, und das Dynamische interessiert mich mehr als das Technische. Mit Kasparov kann ich zum Beispiel viel mehr anfangen als mit Karpov. Beide sind natürlich überragende Spieler, Giganten, aber der dynamische Stil Kasparovs liegt mir nun einmal näher.

Wie ist die Idee zum Buch übers Angreifen entstanden?

Das Material hat sich über die Jahre angesammelt. Als Trainer sammelt man ja zu jedem möglichen Thema, ich mache das seit fast 20 Jahren, da ist einiges zusammengekommen. Die Idee, ein Buch übers Angreifen zu schreiben, beschäftigte mich schon lange. Konkret wurde es im März auf Lanzarote. Schachreisen-Veranstalter Jörg Hickl hatte mich als Trainer für seine Gruppe mitgenommen. Jörg hat mir den letzten Schub gegeben, indem er mir anbot, das Buch zu verlegen. Außerdem war nach unserer Rückkehr einen Tag vor dem Lockdown bald abzusehen, dass ich Freizeit haben würde, weil meine Liga-Engagements wegen Corona ausfallen.


(Eine fantastische Gewinnpartie von Albin Planinc, kommentiert von Michael Prusikin. Klick auf einen Zug öffnet das Brett zum Nachspielen.)


Das Buch besteht im Wesentlichen aus praxiserprobtem Trainingsmaterial.

Kann man sagen. Wenn Leo Costa, über den wir vorhin gesprochen haben, das Buch durchblättert, wird ihm manches bekannt vorkommen.

Und das Ziel ist, dem Leser Angreifen beizubringen?

Ihm Motive an die Hand zu geben. Ein wesentlicher Unterschied zwischen starken und nicht so starken Spielern ist, dass die starken mehr Motive kennen. Aber es geht nicht um grundlegende taktische Motive wie das erstickte Matt, das Grundreihenmatt und so weiter, was wir aus den Stappenheften kennen, sondern um etwas komplexere Motive. Angriffsideen, Angriffsmuster, auch Regeln für den Angriff.

Und was gibt es da zu sagen, das noch kein anderer Autor gesagt hat?

Schachbücher gibt es tatsächlich zuhauf, darunter auch einige gute, und darunter wiederum gute übers Angreifen. Alexander Khalifman erwähnt im Vorwort den „Rochadeangriff“ von Vladimir Vukovic, das ist wirklich sehr gut. Aber es geht eben auch um typische Motive: Einschlag auf h7, doppeltes Läuferopfer und so weiter. In eine ähnliche Richtung geht ein anderes Buch, das gemischte Kritiken bekommen hat, mir aber sehr gefällt: „Essential Chess Sacrifices“ von David LeMoir, in dem es um Opfermotive geht, zum Beispiel die diversen Opfer im Sizilianer: Sd5, Sxb5, die Einschläge auf e6, sowas. Diese beiden sehe ich als relevante Vorgänger. Meines Wissens hat seitdem nie ein Autor versucht, das Angreifen zu systematisieren.

Von dieser Erkenntnis bis zum eigenen Buch ist es wahrscheinlich noch ein weiter Weg.

Das Konzept hatte ich schon im Kopf, das Material lag vor, trotzdem war es viel Arbeit. Das Material war ja nur mit Varianten kommentiert, ohne Text. Ich musste aufschreiben, was ich sonst meinen Schülern anhand der Beispiele erkläre, und natürlich meine Analysen noch einmal prüfen.

„Aljechins Rammbock“, eines von 15 Kapiteln in „Feuer frei“.

Deines ist, verglichen mit den beiden Vorgängern, viel mehr ein Konzept- und Strategie- als ein Taktikbuch. Du zeigst positionelle Merkmale, die nötigen Voraussetzungen für einen Angriff. Könnte man sagen, du führst den Leser dahin, dass er das anwenden kann, was er bei Vukovic und LeMoir gelernt hat?

Das würde mir als Beschreibung gefallen. Mein Wunschtitel war ja „Strategie des Königsangriffs“. Nur konnten wir den nicht nehmen, weil ein altes sowjetisches Buch so heißt.

Ein Vorwort von Alexander Khalifman bekommt nicht jeder.

Begegnet sind wir einander nur einmal. 2007 bei der Europameisterschaft in Dresden haben wir gegeneinander gespielt. Aber virtuell über Facebook tauschen wir uns oft aus. Alexander scheint mir ein sehr angenehmer Mensch zu sein, obendrein ist er ein sehr starker Spieler, also habe ich ihn einfach gefragt. Seine Zusage hat mich sehr gefreut – und was er geschrieben hat auch.

Der 1500er wird es mit Gewinn studieren, der 2200er auch: Michael Prusikin zeigt in „Feuer frei!„, unter welchen Voraussetzungen wir auf den gegnerischen König losgehen können – und liefert die Rezepte dafür gleich mit.

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