„Vielleicht war das nicht so schlecht“ – Rasmus Svane distanziert 38 Titelträger

Natürlich kennen Vincent Keymer und Luis Engel einander seit Jahren. So groß ist unsere Schachblase nun auch wieder nicht, und es wäre erstaunlich, würden sich die beiden Ausnahmetalente darin nicht gelegentlich über den Weg laufen. Aber Keymer und Engel haben, zumindest im Rahmen eines Turniers, noch nie die Klingen gekreuzt. Bis jetzt. Bei der „Lockdownchess Meister Arena“ trafen sie sogar zwei Mal aufeinander. Keymer siegte 1,5:0,5.

Allerdings spielten sich die Begegnungen dieser beiden unterhalb der absoluten Tabellenspitze ab. Oben thronten Blitzmonster Rasmus Svane, der im Blitzschach jeden zu rasieren pflegt, der sich mit ihm anlegt, und der Deutsche Blitzschach-Meister Matthias Blübaum, einer der ganz wenigen, die Svane den Rasierer zu entreißen vermögen, gefolgt von einer ganzen Reihe weiterer großer und internationaler Meister unseres Spiels, darunter die beiden großmeisterlichen Youngster.

Lockdownchess? Nie gehört? Das Projekt von Felix Meißner und Luis Engel ist aus dem gleichnamigen Twitch-Kanal dieser beiden entstanden. Die Freunde des Kanals bilden ein Lichess-Team (460 Mitglieder, wachsend), das sich mittlerweile zwei Mal wöchentlich in der ersten Quarantäne-Bundesliga erfolgreich mit der Creme des internationalen Onlineschachs misst.

Die „neuen“ Schachvereine

Die beiden und ihre Mitstreiter flankieren den Kanal mit allerlei Veranstaltungen und Aktionen, unter anderem der „Rasmus rasiert“-Serie. Und eben mit der jetzt erstmals ausgetragenen „Lockdownchess Meister Arena“, die künftig das Flagschiff der neuen Online-Schachgemeinschaft sein soll. Dort bekommen Abonnenten des Kanals die Gelegenheit, sich mit den ganz Großen des Schachs zu messen.

Die Mädchen und Jungs von Lockdownchess sind nicht das einzige Projekt dieser Art. Im Lauf der Pandemie haben sich rund um die Schach-Twitch-Kanäle als einendes Elelement diverse Teams und Gemeinschaften online gefunden, zum Beispiel die Chesshobbits um IM Adrian Gschnitzer und FM Marco Riehle. Und während kleine Vereine sterben, während sich auf die Zukunft ausgerichtete, traditionelle Schachvereine fragen, ob sie sich gezielt für Leute von außerhalb attraktiv machen sollten (siehe SF Pfullingen), entstehen abseits der traditionellen Vereine ganz neue Strukturen von Schachgemeinschaften.

Hobbits Invitational. Sehr schönes, fast schon spektakuläres Lineup.

Gepostet von Perlen vom Bodensee am Dienstag, 5. Januar 2021

Sollten Marcus Fenner und Ullrich Krause beschließen, ihr künftiges Handeln am Leitbild unseres Schachbunds auszurichten („offen für neue Entwicklungen, „Dienstleister für alle Schachspieler“ usw.), werden sie diesem Leitbild unter anderem den Auftrag entnehmen, Dienstleister für diese neuen Schachgemeinschaften zu sein. Deren wachsende Zahl stellt das organisierte Schach vor die Frage, ob denn wirklich die traditionelle Vereinslandschaft die einzige Möglichkeit ist, organisiertes Schach abzubilden. Oder ob die Verbände nicht angesichts der jüngsten Entwicklungen Gemeinschaften einbeziehen sollte, deren Mitglieder nicht in einem Ort wohnen.

Auf fünf Kanälen übertragen

Allemal haben Lockdownchess und die Chesshobbits jetzt schon die bei weitem attraktivsten Vereinsmeisterschaften (wenn wir sie denn so nennen wollen) mit den bei weitem meisten Zuschauern. Zu seiner „Vereinsmeisterschaft“ teilt Lockdownchess mit:

„Unsere Premiere der ‚Lockdownchess Meister Arena‘ hat in jeglicher Hinsicht alles übertroffen, was wir uns zu träumen gewagt haben. Schon das Teilnehmerfeld las sich für jeden Schachfan wie ein Gedicht: Die Nationalspieler GM Rasmus Svane, GM Matthias Blübaum und GM Dennis Wagner, Jahrhunderttalent GM Vincent Keymer, der Deutsche Meister GM Luis Engel sowie GM Leon Mons, GM Roland Schmaltz und U16-Weltmeister FM Frederik Svane. Dazu mehrere Deutsche Jugendmeister wie IM Ashot Parvanyan, FM Ruben Köllner, FM Oliver Stork und FM Alex Krastev. Mit der Deutschen Meisterin WGM Carmen Voicu Jagodzinski, der Österreichischen Nationalspielerin Denise Trippold und dem Niederländischen Top-Talent Machtheld van Foreest waren prominente Frauen am Start. Insgesamt haben unglaubliche 39 Titelträger teilgenommen. Auf fantastischen 5 Twitch-Kanälen wurde unser Event übertragen.“

Eine der ganz wenigen Niederlagen erlitt Turniersieger Rasmus Svane, als er es nicht vermochte, Keymers König für dessen ausgedehnte Wanderung zu bestrafen.

Also rundum zufrieden? Ja, bis auf Rasmus Svane. Der hat mit dem zur Selbstgeißelung neigenden Matthias Blübaum gemeinsam, dass er sich schwer damit tut, sein eigenes Schach gut zu finden. Das gilt auch an einem Abend, an dem er (fast durchgehend im Berserk-Modus) 38 Titelträger distanziert. „Nicht so überragend“ fand Svane seine überragende Leistung. „Hauptsächlich mache ich am Ende irgendwie die Punkte. Den Turniersieg klargemacht hat mein Sieg am Ende gegen Matthias, aber das war auch nicht überragend. Sicherlich waren ein paar positionell ganz gute Partien darunter, aber häufig ohne viel Widerstand“, sagt er. Und ergänzt: „Vielleicht trotzdem nicht so schlecht.“

Ist klar, Rasmus.

Das Spitzensextett, oben und unten ein Svane: Rasmus (sumsar42) distanzierte sogar Matthias Blübaum (msb2), U16-Weltmeister Frederik (Chessfis) schaffte es als Sechster immerhin in die Spitzengruppe des Turniers.

Noch einer war nicht ganz zufrieden, Vincent Keymer nämlich. Der spielt gerne Blitz, ist aber eher kein Zocker und hielt sich darum mit dem Berserken zurück. Das führte zu dem Umstand, dass er zwar mit 2816 die beste Performance aller Teilnehmer spielte, dass er eine Menge Spaß hatte, aber eben „nur“ auf dem vierten Rang landete. Keymer hat angeregt, bei der Februar-Ausgabe des Turniers Berserken nicht zu erlauben.

(Titelfoto via Sunway Sitges Chessfestival)

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