Unregelmäßigkeiten und ein Bruch im Leistungssport: Jagodzinsky tritt zurück

DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky hat seinen Rücktritt nach dem DSB-Hauptausschuss am 12. Dezember angekündigt. In einer E-Mail an die DSB-Spitze, die dieser Seite vorliegt, beklagt Jagodzinsky finanzielle Unregelmäßigkeiten im Leistungsschach hinter seinem Rücken sowie einen Bruch zwischen einem großen Teil der Kader- und Nationalspieler und dem Bundestrainer Dorian Rogozenco. Über beides habe er den DSB-Präsidenten informiert und die Entlassung des Bundestrainers vorgeschlagen. Ullrich Krause habe gesagt, eine Entlassung sei zumindest 2020 nicht vorgesehen.

Andreas Jagodzinsky. | Foto: Sparkassen Chess Trophy

Nun sieht Jagodzinsky „keine vernünftige Alternative, als von meinem Amt zurückzutreten, da ich der Verantwortung für die mir anvertrauten Beitragsgelder (in sechsstelliger Höhe, Anm. d. Red.) nicht gerecht werden kann“. Außerdem könne er unter den gegebenen Umständen die wesentlichen Personen des Leistungssports, die Spieler, nicht fördern. Die Spieler verweigerten mehrheitlich die Zusammenarbeit mit Rogozenco, was auch mit sich bringe, dass die vertraglich vorgesehene Vollzeitbeschäftigung des Trainers nicht realisierbar sei.

Jagodzinsky wird beim Hauptausschuss beantragen, „die Ausgaben im Etat des Leistungssportreferats einer Sonderprüfung zu unterziehen und über das Ergebnis bis spätestens zum nächsten Kongress“ zu berichten. Bis zum Hauptausschuss will er im Amt bleiben, um dem Gremium zu den von ihm beschriebenen Vorgängen „umfassend Rede und Antwort zu stehen“. Außerdem wolle er zumindest weiter Einblick in die Ausgaben seines Ressorts behalten, um die ihm vom Kongress übertragene Kontrollfunktion ausüben zu können.

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Die Aufsicht über den Leistungssport führt jetzt Dr. Marcus Fenner, das ist erstmal gut. Aufsicht führen, genau sein…

Gepostet von Perlen vom Bodensee am Donnerstag, 8. Oktober 2020

Derweil bemüht sich das Führungsduo des DSB, die Angelegenheit vor dem Hauptausschuss vom Tisch zu bekommen und Jagodzinsky vorzeitig loszuwerden. Laut einem Präsidiumsbeschluss vom 6. Oktober stehen der Bundestrainer und der Bundesnachwuchstrainer ab sofort unter der fachlichen Aufsicht von DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner. Schon Anfang November soll über eine kommissarische Neubesetzung des Leistungssportsreferendariats beraten werden. Noch vor dem Hauptausschuss soll der Etat Leistungssport geprüft sein – von den beiden Kassenprüfern.

Auf einer Länge von etwa drei A4-Seiten hat Jagodzinsky eine Reihe von Missständen ausführlich beschrieben und obendrein angekündigt, dem Hauptausschuss sowie etwaigen Sonderprüfern die ihm zur Sache vorliegenden Dokumente vorzulegen. Gleichwohl beschloss das DSB-Präsidium im Angesicht der E-Mail: „Andreas Jagodzinsky soll die Hintergründe, den Umfang und die Intention der Sonderprüfung schriftlich detailliert fixieren.“

Eine Aufgabenstellung, der sich auch diese Seite annehmen wird – und darüber hinaus. Wir haben mit Spielern, Trainern, Funktionären über die Baustelle Leistungsschach gesprochen, über Zuwendungen und Unregelmäßigkeiten ebenso wie über den Bruch zwischen Spielern und Bundestrainer und wie es dazu kommen konnte.

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insorge64
insorge64
2 Jahre zuvor

Mag sein, dass Jagodzinsky hier einen unabgesprochenen Alleingang von Bundestrainer Rogozenco entdeckt hat. Und das es rund um die Nationalmannschaft schon länger knirscht, ist ja ein offenes Geheimnis. Dennoch ein großer Gewinn, dass Jagodzinsky zurücktritt. Er hatte drei Jahre lang Zeit, um Anspruch und Professionalität in den Bereich Leistungssport zu bringen. Stattdessen lag sein Bemühen stets darin, sich durch prätentiöses und bedeutungsschwangeres Auftreten einen Namen zu machen. Wenn der Leistungssport nun vorübergehend ersteinmal bei Fiesling Fenner beherbergt wird, ist das möglicherweise gar so nicht schlecht. Dem wird sicherlich rasch auffallen, welch angenehme Arbeitszeiten (oder besser Bürozeiten) die beiden Bundestrainer haben.

Ralf Mulde
Ralf Mulde
2 Jahre zuvor

Sind denn mittlwerweile de, Vorwurf der “Unregelmäßigkeiten” irgendwelche Belege oder auch nur nähere Détails beiseite gestellt worden – oder insinuierte Schormann hier ohne jede Grundlage eine Straftat? Und das, obwohl er doch alle vier bis zwölf Artikel über saubere journalistische Arbeit und deren Grundlagen vorträgt?

trackback

[…] aber die Baustelle nicht aus der Welt. Betroffen ist auch die Herrenmannschaft. Nach dem internen Brandbrief, in dem jetzt DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky seinen Rücktritt ankündigte, […]

Ralf Mulde
Ralf Mulde
2 Jahre zuvor

Man wird aufmerksam verfolgen müssen, welchen Verlauf diese Angelegenheit noch nehmen wird und welche B e l e g e dazu beigesteuert werden. Seit Gründungs-Zeiten hat es nach meinem Wissen im DSB eine solche Häufung von Anwürfen und Peinlichkeiten nicht gegeben; Wobei die Ungeschicklichkeiten im Bereich Personal(und Spieler-? Führung natürlich hinter dem unbewiesenen Verdacht der persönlichen Bereicherung im Amt weit zurückstehen. Sind das alles nur lange Aufwärmübungen vor dem Hauptausschuss im Dez.2020? Gibt es aber wirklich irgendwen, der oder die! unbezahlt! Präsident des DSB werden möchte?? Und sollte das nicht endlich Anlass sein, die zeitextensivsten Ämter auf allen drei bzw.… Weiterlesen »

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
2 Jahre zuvor
Reply to  Ralf Mulde

Die meisten Präsidenten und Vieze-Präsidenten bekleiden auf allen Ebenen zwischen drei bis fünf Ehrenämter (Vereinsvorsitzender, Bezirksvorsitzender, Landespräsident und zusätzlich andere Verbände wie LSB oder Stadtsportbund) Dann sitzen die Herren noch in Ausschüssen und Arbeitsgruppen. Da kommt auch bei Mindestlohn auf allen Ebenen ein ordentliches Sümmchen zusammen. Sozusagen ein Profi-Ehrenämtler . Viele haben auch Familie also volles Programm. Einen ordentlichen Beruf kann man da nicht nachgehen wenn man alles 100% ig machen will. Wie auch immer ob Mindestlohn-Ehrenämtler oder dubiose Hotel- oder Trainerkosten der Beitragszahler ist immer dabei. Viele opfern sich richtig auf und ich frage mich dient die Anhäufung der… Weiterlesen »

Beobachter
Beobachter
2 Jahre zuvor

Intressanter artikel aber Sie haben versehentlich ihren Standardsatz vergessen, dass Herr Krause und Herr Fenner an allem schuld sind. Bitte noch ergänzen.

Thomas Richter
Thomas Richter
2 Jahre zuvor
Reply to  Beobachter

Dieser Standardsatz ist ja etwas ausführlicher im eingebetteten Tweet – nur dass da nicht “Krause” sondern “das Präsidium” steht.
Ansonsten ein inhaltlich eher dünner Artikel (“Wir, Perlen vom Bodensee, wissen viel mehr aber verraten es noch nicht”), implizit einseitig zugunsten von Jagodzinsky – denn wer die Führung des Schachbunds kritisiert hat iimmer Recht? Entweder werden Dinge intern geklärt, oder in die Öffentlichkeit getragen, das hier ist zwischendrin im Niemandsland.