Bielefeld – Princeton 5:2

Am Übergang von der Schule zur Universität gehen dem Vereinsschach Jahr für Jahr tausende Spieler verloren. Dieser bedauernswerte Umstand macht das Hochschulschach zu einer der wichtigsten, drängendsten Baustellen des organisierten Schachs. Aber anstatt Ideen zu entwickeln und Angebote zu machen, ist das organisierte Schach in den Universitäten unsichtbar. Die U27-Baustelle liegt brach.

Wer es nicht glaubt, besuche die Website des deutschen Hochschulschachs. Passiert ist dort seit Jahren nichts mehr. Angesichts der besorgniserregenden Mitgliederstatistik unseres Schachbunds ist das schwierig zu verstehen:

Als Jugendliche und speziell als junge Erwachsene brechen die Vereinsspieler dem organisierten Schach zu tausenden weg. Würde nur ein überschaubar größerer Anteil von ihnen gehalten, wir würden Jahr für Jahr nachhaltig wachsen. Eine Chance, die zu sehen unsere Verwaltung ebenso wie ihr Mitteilungsorgan sich weigern. Deren Position zur Mitgliederentwicklung geht so: Ullrich Krause ist super, das Verbandsprogramm ist super, der Landesverband Schleswig-Holstein ist supersuper, und überhaupt, was willst du eigentlich, wir wachsen doch? Ja, tun wir, weil das Kinderschach 1,4 Prozent mehr Leute ins Schach spült, als das U27-Schach verliert. Jenseits davon ist seit Jahren Stagnation – noch. Selbst wenn wir Corona ohne Schaden überstehen, wird mittelfristig die Demografie zuschlagen. Dann sterben die Leute, die jetzt unter „51-60“ stehen, und wir schrumpfen.

Nehmen wir an, das deutsche Hochschulschach wäre entwickelt und würde brummen. Ein Vergleich mit dem US-amerikanischen wäre wahrscheinlich immer noch unfair. In den USA genießt Hochschulsport allgemein einen viel höheren Stellenwert als hierzulande, das gilt auch für das Schach. Schauen wir uns nur die Website des Schachclubs der Universität Princeton an und halten die die Website der Schach- und Go-Gruppe der etwa fünf Mal größeren Universität Bielefeld dagegen – noch Fragen?

Schachliche Selbstgeißelung

Auf welches Potenzial die Bielefelder Schachgruppe zugreifen könnte, zeigte sich am Samstagabend, als die beiden besten Schachspieler der jeweiligen Unis im Rahmen der Banter Series um das Recht stritten, sich mit der Weltelite zu messen. Matthias Blübaum besiegte Andrew Tang 5:2, nachdem er 0:2 zurückgelegen hatte.

Getreu seinem Prinzip der schachlichen Selbstgeißelung machte der Mathematikstudent aus Ostwestfalen für den Erfolg vor allem den Umstand verantwortlich, dass sein Gegner noch schlechter gespielt habe als er. Aber insgeheim wird Blübaum wissen, wie stark er ist. Und sich darauf freuen, ab dem 20. September Teil eines 16-köpfigen Felds zu sein, das die Creme des Weltschachs repräsentiert.

Blübaum ist der einzige von drei Deutschen, die ihre Vorrundengruppe gewonnen und sich fürs Finale der besten 16 qualifiziert haben. Nach Alexander Donchenko erwischte es am Samstagnachmittag auch Vincent Keymer. Ob der sich jemals einer Hochschulschachgruppe anschließen wird? Keymer hat unlängst durchblicken lassen, dass er nach dem Abitur erstmal hauptberuflich Schach spielen will, um herauszufinden, wie weit ihn seine Gabe trägt.

In seinem Match gegen den indischen GM Narayanan zeigte Keymer einmal mehr, dass er auch als Schachkommentierer eine große Zukunft hat. Und der 15-Jährige zeigte, dass er selbst einem Weltklasseblitzer wie dem Inder arg zusetzen kann. Von 0,5:3,5 auf 2,5:3,5 verkürzte Keymer, bevor er sich die entscheidende Null einhandelte. Er war schlicht zu spät warm geworden, sonst wäre es womöglich anders gelaufen.

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