Achtung, Kongress! Mikrofone vorhanden?

Der erste garstige Ellbogencheck dieser Seite in Richtung unseres Schachbunds lässt sich exakt datieren. Es geschah am 1. Juni 2019, dem Tag des DSB-Kongresses, um 12.36 Uhr auf Twitter.

Kurz zuvor hatte Geschäftsführer Marcus Fenner seinen Mitarbeiter Arne Jachmann zum Pressesprecher des Deutschen Schachbunds ernannt. Am Bodensee keimte die Hoffnung, dass Fenner und sein Verband nicht länger peinlich sein, sondern dem gerecht werden wollen, wozu der DSB sich 17 Jahre zuvor per Leitbild verpflichtet hatte: Dem Schach dienen, und das mit zeitgemäßen Methoden.

Zur Hoffnung gesellte sich Solidarität. Weil sich der Job eines Pressesprechers mit der beruflichen Qualifikation des Schreibers dieser Zeilen überschneidet, schlägt das Ungerechtigkeitsradar am Bodensee besonders stark aus, wenn ein solcher Kollege schäbig behandelt wird.

Dann war Schachgipfel, und es war peinlich wie immer. Die Spieler blieben namen- und gesichtslos, niemand baute in den Tagen vor den Meisterschaften Spannung auf, niemand erzählte Geschichten rund um die Protagonisten, ja, niemand erzählte irgendetwas, das potenziell am Schach interessierte Leute fesseln könnte. Das wenige, das nach außen drang, war so veraltet wie die spät aktualisierten Tabellen auf der Gipfel-Website.

Die publizistische Gipfelwüste 2019

Dann war Kongress, und der begann damit, dass niemand daran gedacht hatte, den Schachverwaltern und -innen Mikrofone für ihre Redebeiträge bereitzustellen. Anstatt irgendeinem Hiwi das einzig verfügbare Mikrofon zu geben und ihn damit von Funktionär zu Funktionär laufen zu lassen, bekam diesen Job – der Pressesprecher.

Öffentlichkeitsreferent Thomas Cieslik (links) wird beim Kongress nicht allzu viel zu berichten haben. Eine Gelegenheit für ihn, an diesem Samstag den Live-Twitter-Feed des DSB mit Inhalten zu versorgen. Er könnte sich mit dem Referenten für Breitenschach abwechseln. Der wird ebenso wenig zu berichten haben. | Foto: Deutscher Schachbund

Solche Hilfsdienste sind nicht Teil der Stellenbeschreibung. Job des Pressesprechers ist, seinen Arbeitgeber gut aussehen zu lassen, beim DSB eine dringende Herkulesaufgabe. Außerdem hatte er akut einiges zu tun, um die publizistische Gipfelwüste aus den Tagen zuvor zumindest zu kaschieren. Allein der Gedanke, an so einem Tag seinen Pressesprecher zur Mikrofon-Hilfskraft zu degradieren, verbietet sich. Das Umsetzen dieses Gedanken in die Tat ist eine Frechheit gegenüber dem Berufsstand und Ignoranz gegenüber dem geneigten Publikum.

Das Ungerechtigkeitsradar schlug zum ersten Mal aus. In den Monaten danach guckte die erklärte Krause-Fan-Seite vom Bodensee genauer hin und wandelte sich zur zunehmend kritischen Begleiterin.

Neulich in der Schach hat unser Präsident davon erzählt, wie sehr er sich nach Professionalität sehnt – und sich fast im selben Atemzug gewundert, warum das Image seiner Verwaltung dermaßen im Eimer ist.

Erstaunlich. Die Antwort liegt auf der Hand, das eine bedingt das andere: Würde jemand den Pressesprecher professionell und selbstbestimmt arbeiten lassen, wäre dessen erstes Anliegen, das Imageproblem anzugehen. Er würde die fortwährenden öffentlichen Peinlichkeiten abstellen, der Schachverwaltung ein freundliches Antlitz geben und den Präsidenten als Identifikationsfigur aufbauen, hinter der wir uns versammeln können. Der Job eines Pressesprechers halt.

Na, ja. Beim nächsten Präsidenten vielleicht.

Wenig Sonnenschein, lange Nächte

Warum wir heute diese alte Kamelle erzählen? Das hat mit Matthias Blübaum zu tun. Der ist seit seinem Sieg über Alexander Donchenko die neue Nummer eins der deutschen Rangliste, neuer deutscher Blitzmeister noch dazu. Blübaum steht kurz davor, die deutsche Mastersschaft zu gewinnen, und wenn es richtig gut läuft, rockt er mit der Nationalmannschaft die Playoffs der Online-Olympiade. Eine derartige Erfolgsserie muss auf dieser Seite natürlich ausgiebig gewürdigt werden – aber wie bebildern?

Die Live-Weltrangliste: Blübaum vor Donchenko und Nisipeanu.

Auf allen bekannten Fotos sieht Schachfreund Blübaum stets ein wenig verratzt aus, nach wenig Sonnenschein und langen Nächten. Bis zum heutigen Morgen gab es kein brillantes Foto von Matthias Blübaum in Aktion, seit Jahren ein schachpublizistisches Problem, das nun akut wurde angesichts des großen Blübaum-Gedecks, das wir hier zu servieren gedenken.

Dann erschien auf der neuen Seite des Schachbunds dieses:

Andere reden von Professionalität, hier wird sie abgeliefert: So geht Bildgestaltung. Vorder- und Hintergrund, ein klares Motiv, Tiefe, Linien, und wer genau hinguckt, findet das eine oder andere Detail, Nisipeanus Maske etwa – brillant. | Foto: Arne Jachmann

Hallelujah, die Rettung! Danke, Pressesprecher.

Bei der Gelegenheit: Auch hinsichtlich Dmitrij Kollars und Andreas Heimann ist der Foto-Fundus dünn. Vielleicht zum Gipfelabschluss noch Fotos von diesen beiden in Blübaum-Qualität? Und der eine oder andere Nisipeanu würde auch nicht schaden. Von dem gibt es zwar manches gute Bild, aber jedes von denen kennen die Leser längst.

Wichtig wäre jedenfalls im Sinne eines “ausstrahlungskräftigen Bilds des Schachs und der Schachspieler in der Öffentlichkeit”, dass der beste Fotograf im Haus am letzten Tag der Mastersschaft nicht wieder für irgendwelche Hilfsdienste eingespannt wird.

In Erwartung eines Kongresses, bei dem viel zu besprechen ist: Wie ist die Mikrofonsituation im Kongress-Saal?

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