„Würde Magnus nur einmal für Dinslaken spielen …“

Zum ersten Mal teilt jetzt Weltmeister Magnus Carlsen systematisch und ausführlich sein Wissen über Schach. „The Magnus Touch“ heißt das Werk, dessen erstes Modul von vieren seit ein paar Tagen verfügbar ist: Magnus Carlsen lehrt Strategie.

Einer der Köpfe hinter dem Magnus Touch spielt für den SV Dinslaken in der Oberliga NRW. Zusammen mit dem Weltmeister, dessen Sekundant Peter Heine Nielsen und dem US-IM John Bartholomew hat Christof Sielecki (international eher bekannt als Mister Chessexplained) Carlsens Züge, die Konzepte und das Wissen dahinter so aufbereitet, dass der Ottonormalschachspieler davon profitieren kann.

Wir haben Christof gebeten, uns seine Schachgeschichte zu erzählen: Wie aus dem Bankangestellten ein Youtuber wurde, aus dem Youtuber ein Coach und schließlich ein Autor, der mit seinem 1.e4-Repertoire eines der international erfolgreichsten Eröffnungswerke der jüngeren Vergangenheit vorgelegt hat. Natürlich haben wir ihn auch über die Zusammenarbeit mit Team Carlsen befragt.

Christof Sielecki. | Foto: privat

Wie alles begann

Mit Youtube habe ich 2011 angefangen, ein Zufall, wie so oft. Ein Arbeitskollege, auch ein Schachspieler mit einem Rating von etwa 2000, sagte, er wüsste gerne, was ich während einer Partie denke. „Erklär mir mal dein Schach“, waren seine Worte.

Ich habe ihm ein Video aufgenommen und das auf Youtube hochgeladen, damit er es sich angucken kann. Youtube verlangte nach einem Namen für meinen Kanal. Da habe ich „chessexplained“ eingegeben, ich sollte ihm ja mein Schach erklären. So ist der Name entstanden.

Mit schlechtem Equipment und auf Deutsch habe ich noch ein paar mehr Videos gemacht und festgestellt, die werden angeschaut. Plötzlich meldeten sich Leute in den Kommentaren, die Sache wurde größer. Bald wollte ich das auch auf Englisch ausprobieren. Mein erster Gegner in meinem ersten englischen Partievideo: Hikaru Nakamura. Irre!

Erstes Video auf Englisch, und auf der anderen Seite des Brettes sitzt Blitz-Monster Hikaru Nakamura.

Nach ein paar Monaten erreichten mich via Youtube die ersten Anfragen, ob ich Training gebe. Die habe ich alle abgelehnt, ich habe ja in Vollzeit gearbeitet. Aber ich merkte, es gibt Interesse, und ich fragte mich, ob ich wohl vom Schach würde leben können.

Seinerzeit habe ich im Controlling der IT-Abteilung einer Geschäftsbank gearbeitet. Der Bank ging es nicht gut, 2013 bekam ich ein Ausstiegsangebot – die Gelegenheit. Ob ich mich ohne diese Vorlage getraut hätte auszusteigen? Ich weiß es nicht. Aber so ging es ohne großes Risiko. Ich bekam eine Abfindung, lebe allein, ich hatte Luft, um für ein paar Monate Schach auszuprobieren, bevor ich Bewerbungen schreiben muss.

Es gab kein Buch, das gegen jede Antwort auf 1.e4 ein einfaches Rezept präsentiert. Also habe ich eines geschrieben.

Nach meinem Ausstieg bei der Bank habe ich fast auf Anhieb voll gearbeitet, 30, 40 Stunden die Woche Schachunterricht, und es wurde immer mehr. Generell arbeite ich heute viel mehr als früher. Aber ich kann es mir so einteilen, wie es mir passt, muss nur darauf achten, Deadlines zu halten.

Meine Zeit organisiere ich, indem ich mir Zeitfenster reserviere, in denen ich wirklich nur arbeite. Oft fahre ich sogar für ein paar Tage zum Arbeiten weg, und dann setze ich mich jeden Tag zwölf Stunden auf den Hosenboden. Solche Intervalle funktionieren für mich viel besser, als wenn ich mir die Arbeitsstunden zusammenpuzzeln würde.“

„Haben uns ein wenig angefreundet“: Chessable-Mitgründer John Bartholomew.

Vom Youtuber zum Autor

2016 fragte John Bartholomew, ob ich nicht etwas für sein gerade gegründetes Chessable-Projekt machen möchte. John kannte ich, seitdem er mich angesprochen hatte, ob ich ihm nicht bei seinem neuen Youtube-Kanal helfen könne. Daraus ergab sich ein fruchtbarer Austausch: Ich habe ihm Youtube erklärt, er hat mir viel über Schachtraining beigebracht, wir haben uns ein wenig angefreundet.

„Ein Riesenprojekt“: Sieleckis Buch über
Nimzo- und Bogo-Indisch.

Die Hürde, etwas für Chessable zu machen, ist kleiner, als wenn es gilt, ein gedrucktes Buch zu schreiben. Print ist viel komplizierter, beinhaltet viel mehr Arbeitsschritte, die Zeit kosten, aber wenig Freude bereiten. Das war eine der Lehren aus meinem ersten Buch über Nimzo- und Bogo-Indisch: ein Riesenprojekt, das viele, viele Stunden gefressen hat. Die Arbeit an meinem ersten Chessable-Buch über das Wolga-Gambit, auch das eine Anregung von einem Vereinskameraden, hat mir viel Freude bereitet. Und sie war kommerziell erfolgreich.

Die Grundlage für „Keep it simple: 1.e4!“ war meine Trainerarbeit für die Schachjugend NRW. Bei Jugendturnieren betreust du häufig Leute, die wissen, welcher Antwortzug sie erwartet, aber nicht wissen, was ab dem zweiten Zug zu tun ist. Der eine braucht ein Rezept gegen Französisch, der andere eines gegen Skandinavisch.

Schon damals dachte ich, es wäre toll, wenn ich zu solchen Turnieren nur ein Buch mitnehmen müsste, das gegen jede Antwort auf 1.e4 ein einfaches Rezept beinhaltet.  So etwas gab es aber nicht, nun habe ich es geschrieben. „Keep it simple: 1.d4“ repräsentiert das Hollywood-Phänomen: Wenn ein Film gut gelaufen ist, kommt bald danach der zweite Teil.

Im Lauf der Zeit habe ich festgestellt, dass ich mich als Schachbuch-Autor entwickele. Heute arbeite ich ganz anders als früher, setze viel mehr auf Text-Erklärungen. Mein erster Wolga-Kurs zum Beispiel hatte etwa 20.000 Wörter. Würde ich den heute noch einmal machen, hätte er 70.000.“

Entstanden aus der Trainerarbeit für die Schachjugend NRW: ein einfaches, aber nicht zu einfaches Repertoire gegen 1.e4, Sieleckis bislang erfolgreichstes Werk als Schachautor.

Schachbuch auf Papier oder per Chessable?

Spaced repetition funktioniert wirklich. Chessable zwingt dich, wieder und wieder den richtigen Zug aufs Brett zu stellen. Du lernst aktiv. Gerade bei Eröffnungen und Endspielen ist diese Methode effizienter als ein traditionelles Buch, das kann ich aus Erfahrung als Nutzer sagen. Was du gelernt hast, das sitzt, und du fühlst dich am Brett viel sicherer. Der Nutzer muss Chessable allerdings ernsthaft betreiben, um es voll auszunutzen.

Videos anzuschauen, hat bei weitem nicht diesen Effekt, weil du nur passiv etwas konsumierst. Und die Lektüre eines gedruckten Buches kann dazu führen, dass du dir etwas vormachst, sagst „das kann ich“, und dann stellst du am Brett fest, dass du deine Varianten eben nicht kannst.

Noch ein Vorteil gegenüber Büchern oder Videos ist, dass die Kurse leben. Sie sind kein stehendes Produkt, sondern werden laufend aktualisiert. Dieses fiese 9.fxg3 im Zwei-Springer-Caro-Kann zum Beispiel fehlte in meinem 1.e4-Repertoire. Das füge ich nachträglich ein.

Dazu kommt die Interaktivität, der direkte Kontakt zwischen Lesern und Autor. Wenn jemandem etwas nicht klar ist, dann fragt er, und ich antworte. Ich schaffe es zwar nicht, alle Fragen zu beantworten, aber ich versuche es. Die Leser tauschen sich auch untereinander aus und helfen einander.“

„The Magnus Touch“ wird aus vier Kursen bestehen, erarbeitet von Magnus Carlsen, Peter Heine Nielsen, John Bartholomew und Christof Sielecki. Der erste Kurs, Thema: Strategie, ist seit wenigen Tagen verfügbar. Eine Lektion daraus ist gratis.

Die Zusammenarbeit mit Team Magnus

Mit das interessanteste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe. Die Anfrage kam überraschend. Ich war im Januar als Zuschauer in Wijk an Zee. Dort wollte ich in Ruhe arbeiten und nebenbei Weltklasseschach sehen. Nach ein paar Tagen bekam ich eine Nachricht von Chessable-Content-Chef Geert van der Velde. Geert schrieb mir, ich müsse jetzt stark sein, er habe da ein anderes Projekt.

Peter Heine Nielsen. | Foto: chess-tigers

Chessable plante schon seit der Übernahme durch Play Magnus, etwas mit Magnus zu machen, und nun in Wijk waren alle relevanten Leute an einem Ort: Magnus Carlsen, Peter Heine Nielsen, John Bartholomew und, wie ich dort erst erfahren habe – ich. Magnus und John sollten gemeinsam den Video-Part erledigen, Peter Heine und ich den Kurs erarbeiten: Material finden, analysieren, kommentieren, für die Plattform aufbereiten.

Von Ende Januar bis Mitte März habe ich etwa alle zwei Tage mit Peter Heine konferiert und Material ausgetauscht. Zum Beispiel habe ich während dieser Zeit mehr als 2.000 Partien von Magnus Carlsen nach instruktiven Momenten durchgesehen. Für die Auswahl war es auch ein Faktor, wenn die Partie besonders bekannt oder wichtig war.

Magnus hat unsere Vorauswahl noch ein wenig gesiebt. Peter Heines und mein Job war, die ausgewählten Partien zu analysieren und kommentieren. Wir haben wochenlang Material hin- und hergeschoben, hier am Text gefeilt, dort eine Variante eingefügt, viel Kleinarbeit. Für mich war es spannend, die Arbeitsweise des Sekundanten des Weltmeisters im Detail zu erleben.

Der Strategie-Kurs repräsentiert jetzt eine Mischung aus wichtigen Partien für Magnus‘ Karriere, aber auch unbekannten, aus denen sich viel lernen lässt. Ein Teil des Kurses ist das Videopaket, in dem Magnus fünf Stunden lang zehn Partien erklärt.

Würde Magnus Carlsen nur einmal für Dinslaken Quarantäneliga spielen, das würde für den Aufstieg reichen

Der „Magnus Touch“ besteht aus vier Kursen, was sich erst im Laufe des Projektes so ergab. Ursprünglich stand Magnus zwei Tage lang für Videoaufnahmen zur Verfügung – in einem mobilen Chessable-Studio neben seinem Haus. Nach zwei Tagen hatten wir das Material für den Strategie- und den Endspiel-Kurs im Kasten.

Magnus hatte das Spaß gemacht, er wollte mehr – aber als Herausforderung, er liebt ja den Wettkampf. „Gebt mir eine Challenge“, hat er gesagt. Peter Heine und ich haben dann Taktik-Stellungen gesucht, die er nicht kennen kann – gar nicht so einfach, Magnus kennt ja jede relevante Partie. Also musste ich die polnische U14-Meisterschaft und ähnlich Obskures durchforsten. Auch eine Partie von mir ist im Taktik-Kurs, gespielt in der Niederrheinmeisterschaft 1997. Über Nacht haben wir 15 Stellungen ausgegraben, die er am Tag danach vorgesetzt bekam. Magnus kannte tatsächlich keine – und hat alle gelöst.

Während dieser Wochen habe ich Magnus übrigens nie persönlich getroffen, ein Effekt der Pandemie. Aber via Skype war ich ganz nah am Team und Teil des Prozesses. Bei uns im Club scherze ich jetzt immer, dass ich hoffe, Magnus mal für die Quarantäneliga-Mannschaft von Dinslaken zu gewinnen. Wir wollen unbedingt durchs Nadelöhr dritte Liga und in die zweite Liga aufsteigen. Wäre Magnus nur einmal dabei, das würde wahrscheinlich schon reichen.“ 

(Wird fortgesetzt. Demnächst: Christof Sielecki über das neue Phänomen der Schach-Unterhaltung, wie sich ein erfolgreicher Youtube- und Twitch-Kanal bauen lässt und über die Zukunft unseres Spiels: „Wenn wir das Cheating in den Griff bekommen, gehen mir die Argumente für Nahschach aus.“)

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acepoint
acepoint
7 Tage zuvor

Hach, mein erster und alter Heimatverein… Ich kann Christof und seine Arbeiten im übrigen nur wärmstens empfehlen. 2014 habe ich ihn bei einem Schachturnier auf Mallorca persönlich kennengelernt. Damals hat er schon für Dinslaken gespielt und den Verein erfolgreich aus der Versenkung geholt. Wir hatten zu viert – er war mit einem früheren Jugendmannschaftskollegen von mir vor Ort, den ich knapp 30 Jahre nicht mehr gesehen hatte, ich mit einem jetzigen Mannschaftskollegen – auf der Insel eine ziemlich coole Woche. Immer freundlich und auch immer offen für ein ausgiebiges (Schach)Gespräch. Ein echter Enthusiast. Seine KIS-Bücher sind mMn jeden Cent wert… Weiterlesen »