Ran an die Bretter?

Den wahrscheinlich bedeutendsten Untergrund-Newsletter des deutschen Schachs verfasst der einstige Bundesbankdirektor Henning Geibel aus Schleswig-Holstein. In unregelmäßigen Abständen legt Geibel Finger in die vielen offenen Wunden unseres Sports, gelegentlich bejubelt er Erfolge der Aktiven. Manchmal finden Geibels Schreiben an etwa 200 Empfänger öffentlichen Widerhall, zum Beispiel jenes, in dem er sich fragte, wer Thomas Cieslik ist. Manchmal dienen Geibels Gedanken auch dieser Seite als Anregung für ein Thema, das zu deklinieren sich lohnt.

Sein neuestes Werk hat am Bodensee in erster Linie Kopfschütteln ausgelöst. “Es wird höchste Zeit, dass wieder ein normaler Sportbetrieb erlaubt wird, sofern es dabei – wie etwa beim Schach – nicht zu Menschenansammlungen kommt”, schreibt Geibel.

Höchste Zeit? Ob er ernsthaft sofort dutzende Leute in geschlossene Räume pferchen möchte, damit sie dort über Stunden einander gegenübersitzen und gemeinsam mit Püppchen spielen? Die Intensivbettenkapazität dieser Republik scheint Geibel weniger Sorge zu bereiten als der Zustand ihrer Wirtschaft, die er durch den Shutdown übermäßig torpediert sieht, wie er seit Wochen mitteilt.

Die Aktiven wollen einen Lichtstreif am Horizont

So sehr wir unsere Bretter vermissen: Unsere Sportart zählt zu denen, die in Sachen “normaler Spielbetrieb” besonders vorsichtig sein sollte. Und das hat zu einem erheblichen Teil damit zu tun, dass nur bei uns 81-jährige Ex-Banker und andere Angehörige der Hauptrisikogruppe regulär mitspielen. Die sollten wir schützen – auch vor sich selbst.

Nicht nur wir Schachspieler vermissen unsere Bretter. Unter den Aktiven anderer Sportarten ist die Ungeduld genau so greifbar, die Leute wollen zumindest einen Lichtstreif am Horizont sehen.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat diese Ungeduld jetzt aufgenommen und versucht, sie zu kanalisieren. Erst entstanden zehn “Leitplanken” als Richtlinie, unter welchen Umständen wir einander beim Sport wieder begegnen könnten und was dabei zu beachten ist. Dann erging eine Bitte an die nationalen Spitzensportverbände, diese Leitplanken mit für ihren Sport spezifischen “Übergangsregeln” zu verfeinern.

Zu spät abgeschickt

Seit heute ist das Ergebnis dieser Initiative online beim DOSB zu sehen: Oben die zehn Leitplanken, darunter spezifische Übergangsregeln der Verbände, vom Alpenverein über den Judo-Bund bis zu den Wellenreitern.

Vom Schach steht dort – nichts.

Wir gehen davon aus, dass Schach demnächst in diese DOSB-Liste aufgenommen wird. Schach-Übergangsregeln gibt es nämlich durchaus, “Empfehlungen des Deutschen Schachbundes für den Wiedereinstieg in den Trainings- und Wettkampfbetrieb”. Unsere Frage an den DSB-Pressesprecher, warum diese Empfehlungen nicht beim DOSB stehen, wurde nicht beantwortet. Dem Vernehmen nach sind sie zu spät abgeschickt worden und wurden deshalb vorerst nicht berücksichtigt. Wir haben auch beim DOSB angefragt, warum die DSB-Empfehlungen dort nicht stehen. Antwort des DOSB: “Kommen noch, wird nach und nach ergänzt.”

Wir veröffentlichen sie hier vorab:

In Funktionärskreisen ist das Dokument längst bekannt, es ging am Mittwochabend per E-Mail an alle Präsidenten, Referenten, Mitarbeiter. Hinsichtlich einer Wiederaufnahme des Wettkampfbetriebs nimmt es einen Vorschlag aus Baden auf, Wettkampfpartien künftig auf zwei Brettern zu spielen. Im internen E-Mail-Zirkel erging sogleich eine scharfe Frage des Virologen Dr. Kohlstädt an den Virologen Professor Fenner, ob denn auch mit zwei Uhren gespielt werden solle.

Lebenswichtige Debatten besser Fachleuten überlassen

Letzterer hatte aus dem badischen Vorschlag den Passus “mit einer Uhr” gestrichen – und in Ermangelung einer Antwort diese Frage offen gelassen. Bei ersterem ist wahrscheinlich die Wut ob seines unlängst erzwungenen Zurückruderns noch nicht abgeflaut, so dass er sich veranlasst sah, gleich mal loszukeilen. Als ob das der Sache helfen würde. Als ob sich der Wettkampfbetrieb nicht ganz hinten anstellen muss. Erst einmal geht es darum, ob wir auf Vereinsebene Wege finden, einander im Schachkontext wieder kohlenstofflich statt virtuell zu begegnen.

Das von niemandem gezeichnete DSB-Papier wäre als Diskussionsgrundlage etwas wert, hätte es jemand verfasst, der Ahnung hat, jemand, dessen Kompetenz wir vertrauen und dessen Rat wir gerne folgen. Zwar hat sich ein erheblicher Teil der in Deutschland Schach spielenden Ärzte in virologischen Fragen unlängst als unglaubwürdig offenbart, trotzdem müsste sich jemand mit Sachverstand finden lassen, der hinsichtlich künftiger Begegnungen am Schachbrett berät und Vorgaben macht. Wir haben den DSB-Pressesprecher gefragt, ob es in dieser Hinsicht etwas zu melden gibt. Die Frage wurde nicht beantwortet.

Vor einiger Zeit haben wir mal bekrittelt, dass sie beim DSB keine knackig-konkreten Testimonials texten können. War vielleicht zu viel verlangt. Beim DOSB können sie das auch nicht.

Es wäre gut, würde solch essenzieller, ja, lebenswichtiger Debattenstoff den Fenner-Kohlstädt-E-Mail-Zirkeln entnommen und stattdessen jemandem übergeben, der nicht Fragen offen lässt, wenn er nicht weiter weiß, und der nicht einfach lospoltert, sondern sich der Sache zuwendet. Schlau wäre, sich eine personifizierte Instanz zu suchen und sie zum Gesicht von all dem zu machen, was jetzt kommt.

Das spezielle Transparenzverständnis der DSB-Spitze

Der einzige Virologe und Schachgroßmeister in Personalunion der Welt lebt übrigens in Deutschland. GM Luca Shytaj forscht an der Universität Heidelberg und spielt für die SG Speyer-Schwegenheim in der Bundesliga.

Vielleicht einfach mal Sachverstand ins Boot holen?

Schachgroßmeister und Virologe: Dr. Luca Shytaj. | Foto: Georgios Souleidis/Neckar-Open

Am Ende werden es wir in den Vereinen sein, die sich an das halten sollen, was der DSB an Übergangsregeln vorgibt. Selbst wenn Ullrich Krause und Marcus Fenner nicht bei jeder Gelegenheit “Transparenz!” rufen würden, kein anderes Thema gehört so offensichtlich auf allen Ebenen debattiert und zugänglich gemacht wie dieses.

Ziel: Lobbyarbeit unterstützen

Doof nur, dass wir in den Vereinen und unsere Gesundheit in den Erwägungen des DSB allenfalls am Rande vorkommen. Im der E-Mail Marcus Fenners an seine Gremien heißt es: “Ziel der Veröffentlichung ist, gegenüber der Politik zu demonstrieren, dass sich die Spitzenverbände des Sports verantwortungsvoll verhalten … und dadurch die Lobbying-Bemühungen des DOSB zu unterstützen …”

Doof auch, dass wieder das spezielle Transparenzverständnis der DSB-Spitze durchscheint. Der Absatz nach dem oben zitierten geht so: “Verbandsintern sollten wir das im Moment noch recht allgemein gehaltene Konzept in den kommenden Wochen und Monaten gemeinsam weiterentwickeln und ausgestalten. Hierbei sind wir Ihnen allen für Ihre Ideen und Anregungen sehr dankbar.”

Verbandsintern, ist klar.

Eine Idee und Anregung können wir vom Bodensee allemal einbringen: raus aus den Schachfunktionärsgremien damit – und einfach mal jemanden fragen, der sich auskennt.

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