Anish Giri: Gehirn kaputt?

Tag für Tag schaut die Turnierärztin bei Anish Giri vorbei, Tag für Tag bestätigt sie ihm, dass er okay ist. Giri glaubt das nicht. „Ich spiele ja wie ein Idiot, ganz offensichtlich stimmt etwas nicht mit mir“, sagte der niederländische Großmeister nach seinem Drittrunden-Remis gegen Maxime Vachier-Lagrave, der etwas zu leicht mit einer Punkteteilung davonkam.

„Ein typischer Grischuk“: Den Ellbogen-Gruß hält Anish Giri für keine gute Idee.

Maxime, deine Vorbereitung hat funktioniert, so schien es.

Na, ja. Eigentlich sah es zwischendurch ganz schön gefährlich für mich aus. Ich musste höllisch aufpassen, dass Anish nicht günstig im Zentrum vorpreschen kann, dann hätte ich mich eines riesigen Angriffs erwehren müssen. Mit ist es dann gelungen, die Sache in ein etwas schlechteres, aber haltbares Endspiel abzuwickeln.

Nach 21…Dxd4+ 22.Dxd4 Txd4 23.Txd4 cxd4 wähnte sich MVL in Sicherheit. Das Endspiel ist etwas schlechter für Schwarz, aber haltbar. Sieben Züge später einigten sich die Kontrahenten auf Unentschieden.

Anish, glaubst du, dass du mehr hättest herausholen können?

Die französische Neuerung 15…Sd7. Ein elfter Weg für Schwarz auszugleichen?

Schon. Für Schwarz gab es in der Eröffnung zehn Wege auszugleichen, die kenne ich alle, und was Maxime gespielt hat, war keiner davon. Okay, vielleicht hat er einen elften gefunden, das muss ich noch prüfen. Am Brett fühlte es sich nach seiner Neuerung 15…Sd7 jedenfalls an, als würde ich ihn jetzt überrollen. Ian Nepomniachtchi hat an dieser Stelle stattdessen 15…Td8 gespielt, das wusste ich natürlich, weil ich alle Nepo-Partien verinnerlicht habe.

Jetzt der erste Ruhetag.

Anish: Ein Tag mehr, an dem ich krank werden kann. Gefährliche Sache.

Maxime: Für mich wird es ein Schach-Arbeitstag. Normalerweise bin ich nicht erpicht auf die Ruhetage, aber in diesem Fall muss ich so viel Vorbereitung aufholen, mir so viel anschauen und einprägen, dass ich schon weiß, wie ich diesen vermeintlichen Ruhetag verbringen werde.

Im Turniersaal scheint sich der Ellbogen-Gruß als neue Mode zu etablieren.

Anish: Der wirkt verkehrt auch mich. Wir hatten vor dem Turnier ein technisches Treffen, bei dem darüber geredet wurde, dass es vor der Partie irgendeine ritualisierte Form der Begrüßung zwischen den Spielern geben sollte. Gar kein Gruß wäre respektlos, ein verweigerter Handschlag erst recht. Mein Vorschlag wäre eine Art Verbeugung, wie es die Japaner machen. Das könnten wir vom Shogi übernehmen, dort beginnen Partien mit einer Verbeugung. Von allen möglichen Arten der Respektbezeugung halte ich diesen Ellbogen-Gruß für den gruseligsten. Eine unnatürliche Bewegung, und dann berührt man einander auf verrenkte Weise …

… und das auch noch mit den Ellbogen, in die der andere vorher womöglich geniest hat.

Anish: Oder beide. Dann tauschen sie per Ellbogen Viren aus. Dieser Gruß ist ein typischer Grischuk. Alexander ist bekannt dafür, um Aufmerksamkeit zu buhlen, und dieser Ellbogen-Gruß ist einer seiner Wege, es zu tun.

Maxime: Das Wichtigste: Niemand ist krank. Hoffen wir, dass das so bleibt, und dann können wir demnächst wieder endlos Hände schütteln.

Anish: Der Doktor kommt ja zwei Mal täglich vorbei, um unseren Gesundheitszustand zu prüfen. Dummerweise sagt sie mir jedes Mal nur, dass ich kein Fieber habe und dass mein Rachen gesund aussieht. Besser wäre, sie würde diagnostizieren, was mit meinem Gehirn kaputt ist. Ich spiele ja wie ein Idiot. Ganz offensichtlich stimmt irgendetwas nicht mit mir, aber die Ärztin erklärt mir trotzdem zwei Mal täglich, ich sei okay. Deswegen bin ich hinsichtlich der Gesundheits-Checks hier skeptisch.

Vielleicht finden wir für die nächsten Tage einen Schach-Doktor.

Anish: Das wäre gut, so jemanden bräuchte ich.

Anish Giri während seiner Drittrundenpartie gegen MVL. | Fotos (2): Lennart Ootes/FIDE

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