Die schwarz-rot-goldene Riege der Namenlosen

Es war ja nur ein schnell hingerotzter Tweet und nicht böse gemeint – und doch symptomatisch: Der Name der deutschen Nummer zwei ist den Machern des Gibraltar International Chess Festival nicht geläufig.

Der superernste Anton: So ein Tweet ist nicht schlimm, Fehler passieren. Aber symptomatisch ist er schon.

Wenn einer nicht immer superernst dreinschaut, dann ist es der freundliche Alexander Donchenko. Wer mal ein Interview mit ihm oder seine Vorstellung neulich beim Banter-Blitz-Cup gesehen hat, selbstironisch, eloquent, mehrsprachig, der kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass dieser Junge präsentabel ist wie kaum ein anderer Schachspieler. Donchenko könnte jetzt schon ein Zugpferd des deutschen Schachs sein. Aber nicht einmal beim Schach in Gibraltar wissen sie seinen Namen (und wahrscheinlich auch nicht den der deutschen Nummer 4, 5, 6, 7 ,8 oder 9).

Unternehmer in eigener Sache

Schachprofi in Deutschland zu sein, sei so schwierig, heißt es ja immer. Ob das wirklich stimmt? Herausfinden ließe sich das nur, wenn mal einer ernsthaft versucht, Unternehmer in eigener Sache zu sein, einer, der es darauf anlegt, sich andere Geschäftsfelder als das Erspielen von Preisgeld zu erschließen. Stattdessen agieren unsere Kaderspieler (außer Huschenbeth) so, als würden sie in Sachen PR von Marcus Fenner beraten: Sie sind unsichtbar.

Hilfe vom DSB bekommen sie nicht. Dort war vor einigen Jahren die Idee entstanden, zumindest den Nationalspielern jemanden zur Seite zu stellen, der ihre Erfolge in Geschichten verpackt, die sich medial niederschlagen – eine gute und bitter nötige Idee angesichts der Riege der Namenlosen, die unter deutscher Flagge spielen. Daraus geworden ist – nichts.

Vielleicht wollen sie ihre Spitzenspieler wirklich als Marken etablieren? Gut und richtig wäre das, im Sinne des Schachs wie im Sinne der Profis. Leider mangelt es am Willen und am Handwerkszeug. Beim Schachbund gibt es niemanden, der diesen Gedanken ernsthaft verfolgt. Immerhin haben sie unlängst begonnen, den Kaderspielern vor Turnieren öffentlich „viel Erfolg“ zu wünschen. Vielleicht merkt ja irgendwann jemand, dass man diese Kaderspieler nach dem Turnier anrufen und eine „Stimme zum Spiel“ einholen kann. Man könnte ihnen und dem Bundestrainer sogar eine Kolumne auf der Website geben. Das wäre ein Anfang.

Man muss ja nicht einmal Nationalspieler sein. Es gibt reichlich Beispiele aus der 2400-IM-Klasse, die zeigen, dass man vom Schach prima leben kann, wenn man nur gelegentlich gezielt seine Rübe vorzeigt und gewillt ist, andere zu coachen. Leuten aus der 2600-GM-Klasse müsste das noch leichter fallen. Und dafür bedarf es nicht einmal einer Rampensau.

Der zurückhaltende MVL mit seiner einfachen, aber inhaltlich tollen Website macht es vor. Mehr als eine Arbeitsstunde pro Woche investiert er darin bestimmt nicht. Er muss ja nichts weiter tun, als nach jedem Turnier seinem PR-Fuzzi ein paar Diagramme zu schicken und zu erzählen, wie es gelaufen ist. Der schreibt es auf, und schon fühlen sich die Fans ganz nahe dran.

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