Peter Leko: „Vincent ist wieder in der Spur.“

Mehr und mehr etabliert sich Peter Leko als Live-Kommentator. Nachdem der ehemalige Vize-Weltmeister bei der Rapid- und Blitz-WM in Moskau den Zuschauern das Geschehen erläutert hatte und sein enzyklopädisches Schachwissen teilte, ist er nun in doppelter Funktion nach Wijk an Zee gereist.

Peter Leko. | Foto: Niki Riga

Beim Tata Steel Chess betreut Leko seinen Schützling Vincent Keymer, der sich im Challengers-Turnier mit einer Reihe starker Großmeister aus der 2600+-Abteilung misst sowie mit einigen anderen Nachwuchsstars. Außerdem haben die Organisatoren Leko für den offiziellen Live-Stream verpflichtet.

An der Seite von Sopiko Guramishvili, Ehefrau von Anish Giri, beleuchtet Leko in erster Linie die Partien des Masters, schaut aber auch gelegentlich beim Challengers rein. Als während der achten Runde Vincent Keymer gegen Jan Smeets spielte, machten Leko und Guramishvili dort einen ausführlichen Stopp.

Wir haben das Gesprochene übersetzt, poliert und ein wenig neu sortiert.

Während der ersten Runden konnten Sopiko Guramishvili und ihr Sohn Daniel gemeinsam Papa Anish anfeuern. Seitdem in Wijk die zweite Turnierhälfte begonnen hat, geht das nicht mehr. Sopiko muss jetzt an der Seite von Peter Leko das Geschehen auf den Brettern kommentieren. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Wie läuft’s bei Vincent?

Der Start war schlecht, das hing auch mit der unglücklichen Auslosung zusammen. Vincent kam voller Energie hier an, und dann saß ihm zu Beginn gleich Pavel Eljanov gegenüber, ein großartiger Spieler, der sich für die A-Gruppe 2021 qualifizieren will. Wir wussten, das wird nicht einfach.

„Wir wussten, das wird nicht einfach“: Pavel Eljanov in Wijk. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Vincent hatte Weiß…

Eben! Wenn Vincent Weiß hat, dann will er einen Kampf, egal, wer ihm gegenübersitzt. Ohne Risiko ein Remis anstreben, ist keine Option. Also hat er einen Kampf gesucht und gefunden.

Wie lief die Vorbereitung?

Auch unglücklich. Wir hatten sogar vorhergesehen, was Eljanov spielen würde, eine Variante, die er nie zuvor probiert hatte. Aber wir haben Zweifel bekommen: Warum sollte Eljanov ausgerechnet in dieser Partie etwas ganz Neues spielen? Dann haben wir uns andere Sachen angeschaut. Wären wir unserem Gefühl gefolgt, hätten uns intensiver auf das vorbereitet, was letztlich auf dem Brett stand, wer weiß, vielleicht wären diese Partie und der Start ins Turnier ganz anders gelaufen.

Die Partie ging verloren.

Als nach langer Verteidigung das Remis greifbar war, zog Vincent 66.Kg4??. Das erlaubt …Kc5 nebst …Te4+ und …Tb4+, und Schwarz gewinnt. 66.Kg5 hätte die Partie gehalten.

Vincent hat an einer Stelle Züge verwechselt. Eljanov bekam danach Vorteil, hat brillant gespielt, es sah aus, als würde er einen leichten Sieg einfahren. Aber Vincent hat eine Reihe einziger Züge gefunden und sich in ein schlechteres Turmendspiel gerettet, das er perfekt verteidigt hat. Als nach langem Kampf das Remis greifbar war, unterlief ihm ein Aussetzer – vorbei. So etwas kann Selbstvertrauen kosten, Selbstzweifel auslösen. Ich glaube, dass diese Partie sich auf die danach ausgewirkt hat. Mein Eindruck ist aber, dass Vincent sich mittlerweile stabilisiert hat und sich wieder komfortabel fühlt. Vorgestern hat er Diana Saduakassova geschlagen, gestern hatte er gute Chancen gegen David Anton. Vincent ist wieder in der Spur.   

Lass‘ uns bei seiner Partie gegen Jan Smeets reinschauen, deine Vorbereitung checken (grinst).

Davor habe ich ein bisschen Sorge (lacht). Ich mache zwar meinen Job, und der bedeutet, auf alles vorbereitet zu sein, aber im modernen Schach passiert halt doch immer etwas anderes, als du erwartest. Wenn du auf 20 verschiedene Sachen vorbereitet bist, steht am Ende die 21. Sache auf dem Brett.

Ob es hilft, dass du hier auch als Kommentator arbeitest?

Das sollte keinen Einfluss auf Vincents Performance haben.  Aber natürlich habe ich mir grünes Licht von Vincent und seinen Eltern geholt. Die hatten nichts dagegen, dass ich diese Gelegenheit wahrnehme.

Wieder da: Jan Smeets. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Ein Wort zu Jan Smeets.

Ein großartiger Kämpfer! Toll, dass er wieder da ist. 2010 habe ich noch in der A-Gruppe gegen ihn gespielt, da hatte er 2660, 2670 Elo. Immer bestens vorbereitet, voller Liebe zum Schach. Für die holländischen Fans ist es eine sehr gute Nachricht, dass sie ihn wieder in Aktion sehen können.

Was sagst du zur heutigen Partie?

Smeets kann 100 verschiedene Sachen spielen, trotzdem habe ich vor der Partie explizit gesagt, dass wir 5.f3 anschauen sollten.

Richtig geraten.

Ja, wie gegen Eljanov, aber dieses Mal sind wir wirklich vorbereitet, das sehe ich mit Freude. Allzu viel Theorie gibt es nicht zu diesem Abspiel. Die beiden folgen einer der zentralen Referenzpartien, die Anish Giri gegen Harikrishna gespielt hat. Anishs Partien zu kennen, ist immer eine gute Idee.

Die Stelle, an der sich Smeets für das „etwas mysteriöse“ 17. La4 entschied. Wer genau hinschaut, sieht den Tee am Brett des grippekranken Keymer (siehe weiter unten).

Hier hat Harikrishna 17.Sa5 gespielt, ein sehr aggressiver Versuch, den Anish effektiv mit 17…Lh6+ 18.Kb1 Kf8 gekontert hat. Danach mochte Harikrishna nichts mehr riskieren und hat Schwarz sogar die Initiative überlassen. Ihm war wahrscheinlich aufgegangen, dass Anish sehr gut vorbereitet war. Smeets hat sich statt für 17.Sa5 für das etwas mysteriöse 17.La4 entschieden. Sicher eine Möglichkeit, eine von sehr vielen. Hier etwa würde ich das Ende der Vorbereitung markieren, ab jetzt wird Schach gespielt. Es steht ein ziemlich trickreiches Endspiel auf dem Brett, schwierig einzuschätzen:

Vincent hat einen Bauern gegeben, aber eine Menge Aktivität dafür bekommen. Da steht ein großer Kampf bevor.

Leko und Gurimashvili wenden sich wieder dem Masters zu.

Drei Stunden später:

Peter, gute Nachrichten. Vincent hat gewonnen.

Wirklich? Wow, das ist eine tolle Nachricht. Jetzt hat er nach dem schwierigen Start plus zwei aus den letzten drei Partien geholt. Und auch das Level der Partien war höher. Ich drücke ihm natürlich in jeder Partie die Daumen, aber als Coach interessieren mich eher hochklassige Partien als das Ergebnis. Und hochklassig war das am Anfang nicht so sehr, eher wackelig. Dazu noch Vincents Grippe. Davon hatte er weder mir noch seiner Mutter erzählt. Wir sind sogar noch gemeinsam spazieren gegangen. Erst als er überhaupt nicht mehr konnte, hat er uns gebeichtet, dass er krank ist. Dann haben wir sofort die Ausflüge gestoppt und ihm Tee verordnet….

….Ingwer, heiße Zitrone, Honig…

…jaja. Heute haben wir Vincent ja mit Tee am Brett gesehen. Er erholt sich.

Neben der unglücklichen Auslosung hatte sich Vincent Keymer zu Beginn des Turniers auch noch eine Grippe eingefangen. Die wurde im Schachforum natürlich sofort zum Gegenstand der Debatte um den wackeligen Turnierstart.

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