Blitzschach: Segen oder Sünde?

Noch um die Jahrhundertwende war das Votum eindeutig: Blitzschach sei bestenfalls ausschließlich ein Spaß, bringe dem eigenen Schach aber gar nichts, sagten Trainer und Schachmeister.

Als reguläre Disziplin war Blitzschach kaum anerkannt, Turniere wie manche Grand-Chess-Tour-Veranstaltung, die Blitz einbeziehen, gab es nicht. Einen Blitz-Tiebreak, der potenziell sogar ein Match um die Weltmeisterschaft entscheidet, mochte sich niemand vorstellen.

Mit dem Aufkommen der Online-Schachplattformen haben sich Verbreitung und Ansehen des Blitzspiels gewaltig geändert. Schauen wir nur nach Moskau, wo die jüngste Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaft als vielbeachtetes Spektakel über die Bühne ging. Magnus Carlsen nennt sich jetzt Weltmeister in drei Disziplinen. Seine Vorgänger hätten darauf wenig Wert gelegt. Von Anatoli Karpov ist ja sogar die Aussage überliefert, Blitzschach schade der Spielstärke.

Ob diese beiden Herren gerade ihrer Spielstärke schaden? | Foto: Spectrum Studios/Saint Louis Chessclub

Wahrscheinlich irrt der große Anatoli an dieser Stelle. Gerade erst hat der iranische Jungstar Alireza Firouzja zu Protokoll gegeben, dass er seit acht Jahren jeden Tag Blitz spielt. Und es sieht nicht danach aus, als habe der 16-Jährige ein Problem mit der Spielstärke. Dieser Tage führt er das Tata Steel Chess in Wijk an Zee an, das ist nicht vielen 16-Jährigen gelungen.

Auch angesichts Firouzjas Höhenflug hat unser Autor GM Gerald Hertneck (der gerne und oft beim Internet Chess Club blitzt) seine Auffassung in Sachen Blitz kundgetan. Und die deckt sich eher mit der von Firouzja als mit der von Karpov. Auf unserer Facebookseite schrieb Hertneck:

Früher wurde gegen das Blitzen eingewendet, dass es schlecht für die Schachentwicklung sei, weil es die Ideen verderbe. Das kam von Bobby Fischer. Vielleicht wurde die Aussage auch überinterpretiert.

Jedenfalls war ich nie dieser Meinung, sondern ganz im Gegenteil empfinde ich Blitzen als sehr nützlich, weil man sich mit vielen Stellungsbildern vertraut macht, und dabei die Schachintuition verbessert.

Der „Junge“ (Alireza Firouzja, Anm. d. Red.) hat es jedenfalls genau richtig gemacht, und dass er in einem so starken Turnier auf dem Spitzenplatz steht, zeigt sehr deutlich auf, dass er bald zu den stärksten Spielern der Welt gehören wird. Oder bereits gehört. Übrigens habe ich ihn im letzten Kampf der Schachbundesliga Ost live gesehen, als MSC 1836 gegen Zugzwang (Hertnecks Verein, Anm. d. Red.) spielte und er gegen Leon Mons gewann.

Die Kontrolle haben, den Gegner überraschen, ungewöhnliche Stellungsbilder kreieren: Das war das Ziel der Sveshnikovs, als sie ein speziell auf Blitz- und Schnellschach zugeschnittenes Eröffnungsrepertoire kreierten, das dem Normalsterblichen auch im Turnierschach helfen mag.

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