Magnus Carlsen bricht mit dem norwegischen Schachverband

Schachweltmeister Magnus Carlsen ist aus dem norwegischen Schachverband (Norges Sjakkforbund) ausgetreten. Vorausgegangen war ein langer Konflikt Carlsens mit seiner Föderation um Sponsoring und die Ausrichtung für die Zukunft.

„Wie bereits im vergangenen Sommer angekündigt, zieht sich Magnus baldmöglichst aus Norges Sjakkforbund zurück“, schrieb sein Vater Henrik Carlsen in einem Brief an den Verband. „Er wird Norwegen weiterhin international vertreten.“ Das sei mit dem Weltverband FIDE geklärt.

Magnus Carlsen steht weiterhin für norwegisches Schach. Aber mit seinem nationalen Verband hat er nun endgültig gebrochen. (Foto: chess.com)

„Nicht auf junge Spieler mit Ambition ausgerichtet“

Der norwegische Verband hatte Anfang dieses Jahres gegen Carlsens Willen eine Zusammenarbeit mit dem Glücksspielkonzern Kindred abgelehnt. Seitdem stichelt Carlsen gegen seinen Verband, sagte unter anderem, dieser habe nie genug getan, um Talente zu erkennen und zu fördern, das habe er aus eigener Anschauung erfahren. “ Auf junge Spieler mit Ambitionen waren sie nie ausgerichtet“, sagte Carlsen dem norwegischen Rundfunk.

Vor der Verbandsversammlung, bei der über eine Zusammenarbeit mit Kindred abgestimmt worden war, hatte Carlsen einen eigenen Verein gegründet, „Offerspill SK“. Unmittelbares Ziel dieser Gründung war, möglichst viele Delegierte zum Abstimmen schicken zu können. Obendrein soll Carlsens Verein jetzt das umsetzen, was er seinem Verband vorwirft zu versäumen: Talente fördern und Norwegen zu einer führenden Schachnation in Europa machen.

Zweite Norwegische Liga: Für seinen Offerspill SK besetzt Magnus Carlsen das erste Brett. Seine Partie gegen FM Andreas Tryggestadd war die erste Carlsen-Partie seit vielen Jahren, die nicht live im Internet zu verfolgen war. (Foto: Offerspill SK)

Sein Engagement für diesen Verein meint Carlsen ernst. Via Lichess nimmt er an Online-Vereinsturnieren teil, erst vor einer Woche saß er für Offerspill in der zweiten norwegischen Liga am Brett.

Als bekannt wurde, dass Carlsen und der norwegische Verband fortan getrennte Wege gehen, begann sogleich die Gerüchteküche zu brodeln, ob der Weltmeister womöglich die Förderation wechselt.  „Eine Gelegenheit, noch einen Nerd zu kaufen“, frotzelte Großmeister und Caruana-Sekundant Alejandro Ramirez sogleich via Twitter, eine augenzwinkernde Retourkutsche. Als Caruana vom italienischen zum US-amerikanischen Verband gewechselt war, hatte Carlsen angemerkt, die USA kauften Nerds.

Derlei Spekulation verstummte aber sehr bald. Der Austritt aus dem nationalen Verband sei in allererster Linie ein Symbol, hieß es aus Carlsens Umfeld. Der Weltmeister bleibt ein Norweger, und er wird weiter unter norwegischer Flagge spielen. Nicht verbunden fühlt er sich allein seinem norwegischen Schachverband.

(Dieser Text ist ein Auszug aus der Kolumne „Schachgezwitscher“ in der kommenden Ausgabe der Rochade Europa)

3 Kommentare zu „Magnus Carlsen bricht mit dem norwegischen Schachverband

  1. Dann wird Carlsen wohl nicht mehr bei Europameisterschaft oder Olympiade für Norwegen spielen – machte er bisher auch eher sporadisch. Darf er ohne Mitgliedschaft im Verband eigentlich noch für seinen „Verein“ spielen? Wer sind da eigentlich die anderen Mitglieder? Etwas Spielstärke ist wohl vorhanden, sonst dürfte er nicht sofort in der zweiten Liga antreten (allzu viel nicht unbedingt, Carlsen spielte an Brett 1 gegen einen FM).
    Laut Kommentaren von Norwegern zu Kasparovs Polemik auf chess24 https://chess24.com/en/read/news/garry-kasparov-no-chess-monopoly-in-hypocrisy wollten Funktionäre übrigens Carlsens Sponsor-Deal durchdrücken, aber die Basis hat ihn mit grosser Mehrheit (etwa 75%) abgelehnt. Die hier zuvor erwähnte Internet-Umfrage mit umgekehrtem Ergebnis war demnach nicht repräsentativ. Carlsens Versuch, mit einem neu gegründeten Verein das Ergebnis einer demokratischen Wahl zu manipulieren, ist gescheitert.
    Einen Konflikt hat Carlsen demnach mit der Basis, nicht mit Funktionären.

    1. Meine Wahrnehmung der Sache geht so, dass ein wesentlicher Teil des von Carlsen in Norwegen ausgelösten Schachbooms noch nicht in den Vereinen angekommen ist, also in eben dieser Basis. Das ist auch ein Generationenkonflikt mit denen, die schon vor Carlsen in Norwegen Vereinsschach gespielt haben und so weitermachen möchten, unabhängig von Leistungssport, Online-Schach, solchen Sachen, die auch der gemeine Funktionär hierzulande als verdächtig empfindet. Wahrscheinlich gibt es keinen anderen Club in Norwegen, der seine eigene Lichess-Gruppe pflegt, schon gar keine mit mehr als 200 Mitgliedern. Offerspill SK hat das von heute auf morgen aus dem Boden gestampft.

  2. Hmm, ich bin ja fortgeschrittenen Alters (50+), dabei beruflich und privat durchaus Internet-affin. Aber Schachverein bedeutet für mich Vereinsabend, auf analogen Brettern spielen (auch wenn ich Partien vor allem am Computer vor- und nachbereite), Leute persönlich treffen, mich unterhalten statt zu chatten, auch mal mit Getränken anstossen. Das will ich, deshalb suchte und fand ich nach jedem Umzug einen neuen Schachverein (nun sechs in drei Bundesländern sowie Frankreich und Niederlande).
    Das geht beim Kunstprodukt Offerspill, dessen Mitglieder sich vermutlich über ganz Norwegen verteilen, wohl nicht. Gut 200 von über 1000 spielen nun im Internet, spielen die anderen überhaupt Schach? Oder sind das Carlsen-Fans, die nicht einmal (oder höchstens) wissen, wie die Figuren ziehen?
    Natürlich kann man das Carlsen-freundlich interpretieren, loben und schön reden.

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