„Glücklich und erleichtert“: Vincent Keymer im Gespräch

15 Monate liegen zwischen Vincent Keymers zweiter und der dritten Großmeisternorm. „Sie hätte eher kommen sollen“, sagt Vincent. Mehrere Mal war er ganz dicht dran und scheiterte doch. Vorzuwerfen hat er sich deswegen nichts. „Das war einfach Pech.“

Am Samstagabend auf der Isle of Man war es endlich vollbracht. Mit einem Remis gegen den Russen Vadim Zvjaginsev sicherte sich Vincent Keymer die erlösende dritte Norm und den Großmeistertitel. Und obwohl 15 Monate vergangen waren, ist Vincent Keymer (14) immer noch ganz bequem der jüngste Schachgroßmeister, den es jemals in Deutschland gab.

Im Twitch-Studio stellte er sich nach der Partie gegen Zvjaginsev den Fragen von Fiona Steil-Antoni.

„Es ist vollbracht“: Vincent Keymer bei Fiona Steil-Antoni. (Foto: Maria Emelianova/chess.com)

Du brauchtest heute ein Remis, das hast du bekommen – und damit den Großmeistertitel. Wie fühlt sich das an?

Ich bin glücklich – und erleichtert. So oft habe ich die dritte Norm knapp verpasst. Jetzt ist es vollbracht.

In der Bundesliga hast du zuletzt eine 2599 gespielt, dir fehlte ein Performance-Punkt.

Es fehlte sogar weniger als ein Punkt, und das nicht nur in der Bundesliga.

Nach all den knapp verpassten Gelegenheiten: Wie geht man so eine Partie wie die heutige an? Wie groß ist der Druck?

Ich war ja so oft nahe dran, und dann hat es nie ganz gereicht, ohne dass ich mir etwas vorwerfen müsste. Das war einfach Pech. Zur heutigen Partie beschert mir der Loscomputer zum zweiten Mal hintereinander Schwarz, wieder Pech. Sowas musst du dann einfach annehmen und darüberstehen. Vielleicht fand ich darum den Druck heute gar nicht so groß wie bei früheren Versuchen, die dritte Norm zu machen.

„Das war nicht meine Lieblingspaarung“: Keymer-Coach Peter Leko. (Foto: Niki Riga)

Zwei Mal Schwarz hintereinander, das war wahrscheinlich nicht das einzige Lospech für dich in diesem Turnier. In der fünften Runde musstest du gegen deinen Coach Peter Leko spielen.

Ja, das war nicht gerade meine Lieblingspaarung (lacht). Wir kennen einander so gut, das Repertoire des anderen, den Stil, alles.  Egal, was ich gegen Peter tun würde, wie ich die Partie anlegen würde, es würde immer schwierig sein. Für ihn bin ich wie ein offenes Buch.

Was hat Peter gesagt, als heue das erlösende Remis besiegelt war?

Der war natürlich auch glücklich. Aber nicht euphorisch. Meine dritte Norm hätte ja eher kommen sollen.

Wie läuft hier eure Zusammenarbeit? Peter spielt ja selbst.

Darum hat er nicht viel Zeit, er muss sich auf seine Partien vorbereiten. Wir sprechen uns natürlich kurz ab, doch den Löwenanteil meiner konkreten Vorbereitung auf die Partien muss ich allein erledigen. Aber ich bin ja nicht unvorbereitet angereist. Peter und ich haben vor dem Turnier zusammen trainiert, Eröffnungen analysiert, davon zehre ich jetzt.

Es ist ungefähr ein halbes Jahr her, da hast du dich beim Grenke Classic mit den Besten der Welt gemessen. Zum Auftakt hättest du Magnus Carlsen beinahe ein Remis abgerungen. Erzähl uns von dieser Erfahrung.

Einmalig. So etwas darf ich ja nicht jeden Tag erleben, das Turnier war eine ganz spezielle Erfahrung für mich. Sehr hart, sehr starke Gegner. Der Druck, der vor der Partie gegen Magnus auf mir lastete, fühlte sich ambivalent an. Einerseits war er riesig, weil diese Partie zum Auftakt des Turniers derart im Fokus stand, andererseits gar nicht so groß, weil ja eh jeder erwartete, dass ich verliere.

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