Wie weit darf der Schiedsrichter gehen?

Wir sehen einen unerhörten Eingriff in die Privat- und Intimsphäre eines Menschen.

Vielleicht sogar mehrerer Menschen.

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Großmeister Igors Rausis auf der Turniertoilette beim Open in Straßburg.

Wer weiß, über wie viele Toilettenwände der Schiedsrichter schauen musste,  bis er die Kabine gefunden hatte, in der der Verdächtige  saß? Oder war eine feste Kamera installiert, die über Stunden Menschen auf der Toilette filmte, bis dieses Bild aufgenommen war?

Solche heimlichen Aufnahmen anzufertigen und zu verbreiten, ist eine Straftat, für die der Täter bis zu ein Jahr ins Gefängnis geht.

Gut gegen Böse? So einfach ist das nicht.

Wir ziehen den Hut und verbeugen uns vor chess.com und ChessBase, die das Foto nicht veröffentlicht haben, obwohl es bereits im Internet kursierte. Die Verlockung, einen solchen Aufreger zu zeigen, muss groß gewesen sein. Auch chess24 hat das Foto erst nachträglich in seinen Artikel eingebaut. Wir machen das auch, nicht, weil es mittlerweile eh jeder gesehen hat, sondern weil es einen zentralen Aspekt berührt, der in der Debatte zu kurz gekommen ist. 

Als „Gut gegen Böse“ bezeichnet Yuri Garrett von der FIDE-Anti-Betrugskommission den Kampf gegen den Betrug im Schach. „Gut“ sind in seiner einfachen Welt solche Leute, die heimlich andere auf der Toilette fotografieren. Garrett bedankt sich explizit beim Turnierschiedsrichter, „der das Richtige getan hat“, und FIDE-Vizepräsident Emil Sutovsky verbreitet die Botschaft, dass der Betrüger gefasst ist, ohne ein Wort der Reflexion.

„Ein großartiger Tag für das Schach“ (Garrett)?

Die triumphierende, schwarz-weiß malende Selbstdarstellung der Ermittler im „Fall Rausis“ ist nicht angebracht. Ein wenig Nachdenklichkeit wäre angemessen und überdies der Hinweis, dass solche Fälle dringend reguliert werden müssen.

Wie weit darf ein Schiedsrichter gehen? Diese Frage gehört debattiert.

Und wenn er raffiniert betrogen hätte?

Der Fall Rausis war ein einfacher, hat doch der tschechische Großmeister die simpelste aller Schachdopingmethoden benutzt: Handy auf der Toilette. Schon 2002 in Lampertheim ist ein Spieler überführt worden, der sich dieser Methode bediente. 2016 stand im Schachticker eine Geschichte über einen ähnlichen Toilettenfall in Moskau.

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Schon 2002 stellte ChessBase fürs Foto nach, wie sich auf der Toilette betrügen lässt. Damals war das als Scherz gemeint, eine Epidemie derartiger Fälle nicht abzusehen.

„Rausis hatte keine Chance“, schreibt Garrett in seinem Facebookeintrag. Herzlichen Glückwunsch, Yuri, für das Überführen eines der ungeschicktesten Betrüger der Schachgeschichte, der obendrein dämlich genug war weiterzumachen, nachdem ihn Sutovsky wenige Tage zuvor öffentlich an den Pranger gestellt hatte.

Erstaunlich ist, dass Igors Rausis Rating sechs Jahre lang kontinuierlich steigen konnte, dass seine späte Blüte jahrelang öffentlich debattiert wurde, ohne dass jemand Offizielles sich dazu äußert. Und was wäre, hätte er sich raffinierterer Methoden bedient? Mit einem Helfer, der Computerzüge zu einem vibrierenden Gerät morst etwa. Wir mögen uns gar nicht ausmalen, wo an oder in seinem Körper Rausis ein solches Gerät hätte verstecken können.

Darf der Schiedsrichter da auch suchen? 

Schwäche im Rating-System?

Der Fall Rausis zeigt auch, dass der Glaube ans Gute im Schach immer noch stark ist. Am Bodensee sowieso. Vor weit über einem Jahr hat der Schreiber dieser Zeilen erstmals die Fühler Richtung Rausis ausgestreckt, um eine Geschichte über dessen späte Blüte zu schreiben. Seinerzeit mit der (naiven?) Intention, Rausis erklären zu lassen, was er an seinem Training geändert hat, um so spät so stark zu werden. 

Eine große Zahl an Wegbegleitern und Beobachtern hat bis zuletzt nicht an Betrug geglaubt. Vor Monaten habe ich den Fall mit Großmeister Gerald Hertneck besprochen, um Input von jemandem zu bekommen, der mehr vom Schach versteht als ich. „Erstaunlich“ fand der ehemalige Top-50-Spieler Rausis Entwicklung. Zu einem Verdacht oder gar einer Anklage wollte Gerry sich nicht durchringen.

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Aufstellung des SC Emmendingen für die zweite Liga, Saison 2019/20.

Auch bei Rausis deutschem Verein, dem SC Emmendingen (2. Bundesliga Süd), dürften sie nun aus allen Wolken fallen. In Emmendingen wollten sie dem Vernehmen nach eher an das verbreitete Narrativ vom gewitzten GM, der eine Schwäche im Rating-System ausnutzt, glauben, als daran, einen Betrüger in ihren Reihen zu haben. Der am 5. Juli versandten Bitte um eine Stellungnahme ist der Verein bislang nicht nachgekommen.

„Die Schwäche im Ratingsystem“ taugte seit Jahren, um Rausis Erfolg zu erklären: Wer beim Schach konstant gewinnt, auch gegen sehr schlechte Gegner, dessen Rating steigt zwar sehr langsam, aber sicher. Und Rausis spielte ja in erster Linie Wald- und Wiesenturniere gegen nominell deutlich schwächere Gegner. 

Einladung zum Grand Swiss abgelehnt

Wahrscheinlich ist aber eher die Argumentation stichhaltig, dass derjenige, der nur gegen Schlechtere spielt, tendenziell Rating verliert. Denn gelegentlich gibt man halt doch einen halben oder gar ganzen Punkt ab, und das kostet dann gewaltig, so viel, dass es sich mit Siegen in Serie kaum wieder reinholen lässt. Rausis aber gab aber speziell gegen deutlich Schlechtere keine halben oder ganzen Punkte ab. Er siegte und siegte und siegte, und sein Elo stieg und stieg und stieg.

Abseits aller Versuche der Kontaktaufnahme mit Rausis hat der Schreiber dieser Zeilen erst vor einer Woche einer Schachzeitschrift eine Geschichte über dessen rätselhaften Aufstieg angeboten, eine (aus journalistischer Sicht) offensichtliche und notwendige Geschichte mit gleich zwei Aufhängern, nachdem Sutovsky Rausis öffentlich angeschwärzt und Rausis die Einladung zum Grand Swiss der besten 100 Spieler der Welt abgelehnt hatte. „Kein Interesse an Anschuldigungen“ war die Antwort plus eine Erklärung über die vermeintliche Schwäche des Elo-Systems.

Warum, Igors?

Diese Frage bleibt offen, auch wenn wir sie guten Freunden von Rausis stellen. Einer von denen, er bittet, seinen Namen nicht zu nennen, teilt per E-Mail mit:

„Ich kenne Igors als intelligenten, zuvorkommenden, höflichen Menschen, der sich auf und neben dem Schachbrett immer tadellos und ethisch korrekt verhalten hat. Ich kann nicht erklären, warum er das getan hat, ich will es auch nicht entschuldigen, aber er selber wird sich am meisten darüber ärgern und an sich selbst zweifeln (und zwar nicht weil er erwischt wurde, sondern, weil er es getan hat)! Seit so vielen Jahren hat er überall auf der Welt erfolgreiches Training gegeben, viele schachliche Entwicklungsländer betreut und das Schach dort voran gebracht, nun steht er vor dem selbst verursachten Scherbenhaufen.“

8 Kommentare zu „Wie weit darf der Schiedsrichter gehen?

  1. Eines Großmeisters unwürdig. Der Titel gehört sich aberkannt. Leider zwingen uns solche Betrüger schon fast zu solchen Methoden, um die ehrlichen Schachspieler zu schützen. Nicht den Schiedsrichter anprangern hier. Miese Betrüger wie Rausis sind an der Diskussion schuld.

  2. Wollen wir mal zugunsten des Schiedsrichters annehmen, dass er wusste, in welche Kabine der Verdächtige gegangen war. Insofern bliebe die Privatsphäre Dritter unbehelligt. Im Ernst: Das Smartphone-Doping in dieser Form hat nun mal den Effekt, dass man den Täter in flagranti übeführen muss. Alles andere (auch Analysen zur Übereinstimmung mit Computerzügen) sind nur Indizien und hartnäckiges Leugnen lässt die Sache dann offen.

  3. Ich finde es sehr gut, dass ein Betrüger aus dem Verkehr gezogen ist, denn es gab pro Turnier etliche Opfer seiner Machenschaften, sicherlich auch Jugendliche darunter. Der Schiedsrichter und die Beauftragten der Fide haben ihre Aufgabe erfüllt und das ist gut so. Sicherlich ist es so, dass man ein solches Foto nicht unbedingt veröffentlichen sollte, aber vielleicht ist es dieses eine Mal nötig und dient der Abschreckung. Wie ich an anderer Stelle gelesen habe, hat Rausis seine Schuld eingestanden und prompt sein Karriereende erklärt.

  4. Erstens. Ich sehe auf diesem unapp. Bild einen älteren Mann, der auf einem WC hockend ein Handy bedient und dabei vielleicht seiner Frau (sehr nette, weltweit führende Fernschach-GM) das Übliche mitteilt: „Nehme den späteren Zug, leichte Magenverst., liebe dich, bis bald, …“
    Zweitens, das führt uns leider zur Frage der „Beweis-Sicherung“. Der Schiedsrichter wird wohl kaum das Recht haben, das Privateigentum, also das Handy, zu „beschlagnahmen“, schließlich sind die weder Zoll noch Polizei.
    Drittens muss nun offenbar bei der Ausbildung von Schiedsrichtern auch auf deren körp. Fitness geachtet werden, ob sie also – selbstverständlich korrekt, also mit Anzug, gekleidet – eine Toilettenwand zu erklimmen in der Lage sind und aus dieser Position ein Beweisfoto erstellen können, was ja auch die entspr. Ausrüstung vorausssetzt. Sowohl Handy als auch Fitness müssen mindestens jährlich nach einer noch zu schaffenden Prüfordnung (SF Deventer kann so was) überprüft werden, um auch den Schiedsrichter, selbstverständlich bis in die untersten Klasen, toilettentauglich zu halten. Gesichert wäre dadurch, dass jedenfalls die Schiedsrichter im Sinne des DOSB und seiner Förderrichtlinien „Sport“ durch Bodenkriechen und Steilwand-Klimmen trieben.

  5. Es gibt eine einfachere Methode. Licht aus am WC und dann sieht man die Displays leuchten 😉

    So schnell kann fast keiner reagieren, dass man das Leuchten nicht kurz sehen könnte …

  6. Das Handydisplay leuchten zu sehen wird nicht reichen. Es muss schon eine Schachsoftware drauf sein und eventuell noch die Stellung der Partie auf dem Brett oder eine Variante davon. Angeblich hat das Foto ein anderer Spieler gemacht und nicht der Schiedsrichter, wurde auf Chessbase berichtet.

  7. Also einige scheinen sich hier gar nicht mit den Regeln auszukennen. Der Versuch ist bereits strafbar. Jeder GM weiß mit Sicherheit was sein Handy für eine Spielstärke haben kann. Und daher würde eine reine Kabinen und Taschenkontrolle danach ausreichen um ihn vom Turnier auszuschließen. Ich habe schon mal in einem Mannschaftskampf jemand eine Null verpasst, der sein Handy in der Hosentasche hatte und zum zweiten Mal innerhalb der ersten Stunde gen Topf ging. Das Mitführen ist bereits verboten. Die einzige Frage wäre gewesen, was bei Protest gegen die Privatsphäre der Hosentasche machbar gewesen wäre. Aber eine Taschenkontrolle halte ich durchaus für durchsetzbar.

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