Heimlicher Steuermann über Bord

Fünf Seiten lang ist das Papier des DSB-Schiedsgerichts zur Wahl des Vizepräsidenten Sport. Ein wertender Begriff findet sich darin, „bedauerlicherweise“, und den verwendet das Gericht unter dem Vorsitzenden Norbert Sprotte gezielt, um die Wahlleitung abzuwatschen: „Bedauerlicherweise satzungswidrig“ habe der DSB die Wahl seiner Führungsriege abgehalten. Die Delegierten des Bundeskongresses seien vor der Wahl informiert worden, dass etwaige Nein-Stimmen als gültig gewertet werden würden. In der Satzung des DSB sind aber Nein-Stimmen gar nicht vorgesehen.

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Erste Amtshandlung der neuen Vizepräsidentin Sport: Olga Birkholz eröffnet das Match der Frauen-Nationalmannschaft gegen Aserbaidschan. (Foto: Klaus Steffan)

Als das Urteil publik wurde und Olga Birkholz nachträglich gewählt war, begann sogleich die Spekulation, ob Klaus Deventer versuchen würde, dagegen vorzugehen (dafür hätte er Wege außerhalb der DSB-Gerichtsbarkeit finden müssen). Diese Spekulation beendete Deventer bald selbst mit einer Erklärung, die sich wie eine öffentliche liest und mutmaßlich so gedacht war, die aber erst öffentlich wurde, als sie ihren Weg aus den ansonsten geschlossenen E-Mail-Zirkeln des DSB zur Facebook-Präsenz eines Schachblogs gefunden hatte.

Deventer wollte von sich aus zurücktreten

Deventers authentische, aufgeräumte und am Ende versöhnliche Erklärung hätte dem öffentlich oft so ungelenken DSB gut zu Gesicht gestanden. Enttäuscht sei er, nicht mehr im Amt zu sein, schreibt Deventer, und erklärt, er habe von sich aus nach dem zweiten Wahlgang zurücktreten wollen, aber seine Präsidiumskollegen hätten ihn davon abgehalten. Nun hoffe er, die „zutage getretene“ Spaltung werde überwunden und wünsche dem Schachbund alles Gute.

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Kandidatenturnier 2018: Einer von vielen Schiedsrichtereinsätzen, die Klaus Deventer zu den zentralen Spielorten des Weltschachs geführt haben. (Foto: Frank Hoppe/Schachbund)

Zwei Jahrzehnte war Deventer in leitenden Ämtern tätig, noch länger gar als Schiedsrichter bis zu den höchsten Ebenen des Weltschachs, Olympia, Kandidatenturnier, WM-Match. Seine Demission beim DSB ist in der Tat ein gewaltiger Einschnitt. Aber die von ihm genannte Spaltung ist nicht erst jetzt zutage getreten, sondern über Jahrzehnte gewachsen.

Wo Deventer als Referent für Leistungssport oder zuletzt Vizepräsident Sport verantwortlich war, Kontroversen zu moderieren, Kompromisse zu finden und letztlich Entscheidungen zu treffen, da haben seine Entscheidungen in erster Linie Unfrieden und Unzufriedenheit hinterlassen. Wer sich außerhalb des DSB-Apparats bei Spielern wie Veranstaltern nach ihm erkundigt, der wird so bald kein freundliches Wort über den ehemaligen Vizepräsidenten hören. Gewiss fühlt sich Deventer der gemeinsamen Sache verpflichtet und will deren Bestes, gewiss ist er ein veritabler Jurist, aber eben kein Mann für Moderation und Kompromisse. Arkadij Naiditsch und Elisabeth Pähtz sind zwei von zahllosen Schachfreunden, die das anhand von Episoden aus der Vergangenheit bestätigen würden.

Eine Chance zur Erneuerung

Es bedurfte nun nicht einmal einer besonders starken Gegenkandidatin, um Deventer aus dem Amt zu heben. Birkholz ist in Schach(funktionärs)kreisen weder besonders bekannt noch besonders profiliert, aber in ihrer bisherigen Tätigkeit als Ausbildungsreferentin nicht negativ aufgefallen. Das reichte.

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Aus fünf mach zwei: Das DSB-Präsidium Anfang Juni 2017. Drei dieser fünf Herren sind zwei Jahre später nicht mehr im Amt. Dafür zum ersten Mal in gut der 140-jährigen Geschichte des Verbands eine Frau. (Foto: Schachbund)

Für den DSB ist die aktuelle Entwicklung eine Chance, dort Zusammenarbeit und Kontakte zu erneuern und zu vertiefen, wo bislang ausschließlich abwehrend die Hände gehoben wurden, sobald der Name „Deventer“ fiel. Aber auf der Führungsebene des DSB ist in erster Linie die Erschütterung über den Verlust derart groß, dass es dauern wird, bis wieder ausschließlich nach vorne geschaut wird – und bis Präsident Ullrich Krause sein neues Profil als Anführer eines Verbandes gefunden hat, dem gerade sein heimlicher Steuermann von Bord gegangen ist.

Als ideenstarker, machender Landespräsident von Schleswig-Holstein hatte Krause den DSB-Thron erklommen. Dort wurde er sogleich mit der Affäre Jordan konfrontiert, und deren Details gab er (wie das ein guter Präsident machen sollte) vertrauensvoll in die Hände seines Mitstreiters, der sich mit kniffligen Rechtsfragen am besten auskennt. Nur war und ist diese Affäre eben auch das größte Rad, das der Schachbund je gedreht hat. Je länger Krause Deventer daran drehen ließ, je mehr Ressourcen diese Angelegenheit fraß, desto mehr stand Deventer (und neben ihm Geschäftsführer Marcus Fenner) generell am DSB-Steuer, und desto weniger Raum blieb Krause für das, was er am besten kann: Ideen einbringen und vorantreiben. „Er läuft mit, anstatt voranzugehen. Das ist nicht mehr der Ulli, den ich aus Schleswig-Holstein kenne“, sagte ein langjähriger Wegbegleiter am Rande des Kongresses.

Erste Gerichtsverhandlung im „Fall Jordan“

Nur würde genau dieser „Ulli aus Schleswig Holstein“ an die Spitze des DSB gehören, jemand mit Ideen und Elan und nicht jemand, der sehr gut Paragrafen versteht und ansonsten in erster Linie die gewaltige Spaltung zwischen dem Schachbund und denen, die Schach spielen oder organisieren zementiert. Vielleicht hat Krause die Dimension dieses Problems unterschätzt, vielleicht nicht dessen gewachsene Historie überschaut, vielleicht hat er nach den Jordan-Turbulenzen auch geglaubt, es gehe nicht ohne Deventer (und wollte ihn darum vom Rücktritt abgehalten). So oder so, die Delegierten des Bundeskongresses haben das Problem erkannt und beseitigt. An Juristen mangelt es dem DSB deswegen nicht.

Der „Fall Jordan“ geht derweil seinen gerichtlichen Weg. In einer ersten mündlichen Verhandlung vor dem Landgericht Dresden hat Richter Gerd Dück jetzt erstmals zum einen oder anderen Aspekt der Angelegenheit eine vorläufige Rechtsauffassung geäußert und den Parteien dargelegt, wozu sie sich noch ausführlicher einlassen sollten. Eine Entscheidung soll Ende September fallen. Wie die aussieht, erscheint offen. Auch ein Vergleich beider Seiten ist nicht vom Tisch.

Kurios: zwei Deutschland-Cups nebeneinander

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Logo des von Jordans Deppenapostroph-Verein „Ran an’s Brett“ veranstalteten Cups der Deutschen Einheit.

Außerhalb des Gerichts betreibt der DSB den Streit weiter, dort dreht er sich um den „Deutschland-Cup“, ein Turnier für Schachspieler und ihre Familien, das bis 2018 Dirk Jordan unter dem Dach des DSB veranstaltet hat. Der DSB führt den Cup nun in Eigenregie unter gleichem Namen an einem anderen Ort weiter. Jordan führt ihn auch weiter – unter einem anderen Namen am gleichen Ort. „Cup der Deutschen Einheit“ heißt seine Veranstaltung in Wernigerode jetzt.

Das DSB-Turnier läuft zur gleichen Zeit wie das Jordan-Turnier, vom 1. bis 6. Oktober, im 80 Kilometer entfernten Magedeburg. Den Namen „Deutschland-Cup“ hat sich der DSB gesichert, aber offenbar keinen Zugriff auf die bisherige Domain deutschlandcup.org, unter der sich der „Cup der Deutschen Einheit“ findet.  Im Internet lässt sich dieser Wahnsinn diese Kuriosität unter www.deutschlandcup.org sowie unter www.deutschlandcup.eu besichtigen. In Wernigerode hatten sich bei Veröffentlichung dieses Textes 84 Spieler angemeldet, in Magdeburg 10.

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„Turnierveranstaltern das Wasser abgraben“ steht nicht im Leitbild des DSB, trotzdem scheint es gerade nichts Wichtigeres für den DSB zu geben. Seine Website und Facebookseite hat der Schachbund mit Deutschland-Cup-Bannern gepflastert, und natürlich bezahlt er Mark Zuckerberg noch extra dafür, dass diese Banner möglichst viele Leute sehen. Lohn für den Aufwand bislang: 10 Anmeldungen. Jordan hat 84.
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In Magdeburg freuen sie sich zwar, dass der DSB ihre Stadt für Veranstaltungen entdeckt hat, aber dass er ihnen eine Woche vor ihrem traditionsreichen Open den Deutschland-Cup vor die Nase setzt, finden sie weniger gut.

Einem in Wernigerode etablierten und beliebten Turnier eines mit demselben Konzept in unmittelbarer Nachbarschaft entgegenzusetzen, entspricht offensichtlich nicht Grundsätzen wie „Verbreitung des Schachs“ oder „Dienstleistung für Schachspieler“, die im DSB-Leitbild festgeschrieben sind. Hier geht es einzig darum, einer Jordan-Veranstaltung das Wasser abzugraben.

Nach 140 Jahren: eine Frau im Präsidium

Dafür werden, siehe Zahl der Anmeldungen, langer Atem und erhebliche Ressourcen nötig sein, und die sind beim DSB mit seiner Handvoll Mitarbeiter endlich. Was für einen jahrelangen, kompromisslos durchgefochtenen Kleinkrieg gegen einen Turnierveranstalter aufgewendet würde, fehlt für Dinge, die der eigentlichen Aufgabe des DSB entsprechen. Offenen Protest gegen diese dem Vernehmen nach von Deventer und Fenner eröffnete und mit Nachschub versorgte neue Front gegen Jordan gibt es bislang nicht beim DSB. Hochgezogene Augenbrauen und stillschweigendes Kopfschütteln durchaus.

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Auf der obersten Ebene müssen sie sich jetzt neu sortieren, eine Linie finden und Kompetenzen klären. Das Präsidium unter Krause ist komplett neu besetzt, erstmals in der gut 140-jährigen Geschichte des Schachbunds (!) findet sich mit Birkholz darin eine Frau. Das Gremium muss sich nun mancher offenen Frage widmen, etwa der, was mit der Referentenposition für Ausbildung geschieht. Auch die besetzt Birkholz, aber das wird sich kaum mit einem Sitz im Präsidium vereinbaren lassen.

Vielleicht am dringendsten muss geklärt werden, wer Stellvertreter des Präsidenten wird, damit der DSB nicht führungslos dasteht, sobald Krause Urlaub nimmt. Beim Kongress war Deventer zum Stellvertreter gewählt worden. Mit seinem Ausscheiden ist diese Position vakant.

(Dieser Text ist ein erweiterter Auszug aus der Kolumne „Schachgezwitscher“ in der kommenden Ausgabe der RochadeEuropa)

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